Antisemitischer Terror: Zeit für tiefgreifende Veränderungen

von Martin Sehmisch, Leiter der Informationsstelle Antisemitismus Kassel (ISAK)

Der Terroranschlag in Halle hat gezeigt, dass Antisemitismus für Jüdinnen und Juden nicht nur eine Belastung im Alltag ist, die mit zum Teil erheblichen Einschränkungen des Gefühls von persönlicher und kollektiver Freiheit und Sicherheit einhergeht. Der Anschlag hat gezeigt, dass Antisemitismus für sie auch eine potentiell tödliche Bedrohung ist.

Es ist festzustellen:

  • Symbolische Gesten können der Ausdruck aufrichtiger Betroffenheit sein. Wir brauchen jetzt aber vor allem eine echte Bereitschaft zu tiefgreifenden Veränderungen, die auch gegen Widerstände durchgesetzt werden. Dies betrifft viele Bereiche, etwa Sicherheitsbehörden, Zivilgesellschaft, Bildungseinrichtungen sowie Medien und Politik.
  • Die Erfahrungen, die Jüdinnen und Juden mit Antisemitismus machen, sind konkret und werden von nichtjüdischen Menschen selten gekannt und geteilt. Es gibt bei manchen Betroffenen ein Gefühl der Isolation durch Nichtverständnis. Die Empfindungen und Realitäten jüdischer Menschen zu begreifen – etwa das tief in die jüdische Gemeinschaft eingeschriebene Angstgedächtnis – ist eine Herausforderung. Wir hoffen, dass mehr Menschen sie annehmen, mit ganzem Herzen und ganzem Verstand.
  • Es muss Schluss sein mit der Normalisierung von Hass und Abwertung. Menschen und ihre Rechte sind grundsätzlich zu achten. Wir brauchen klare Grenzen für menschenfeindliche Aktionen und Akteure in allen Räumen, on- und offline. Wir brauchen mutige, engagierte Menschen, die diese Grenzen besonnen und nachhaltig durchsetzen. Auch, aber nicht nur für ihre jüdischen Freunde, Nachbarn und Kollegen.
  • Es muss Schluss sein damit, Antisemitismus immer nur beim politischen Gegner erkennen zu wollen. Wir brauchen Menschen, die in ihrer eigenen Umgebung Veränderungen durchsetzen und Antisemitismus kritisieren und ächten. Gegen jeden Antisemitismus vorzugehen heißt, jede Ausformung von Antisemitismus als Bedrohung jüdischer Menschen ernst zu nehmen.
  • Es muss Schluss sein mit der Akzeptanz der vermeintlich gesellschaftsfähigen Version des Antisemitismus, des Hasses auf Israel, der vorgibt, den jüdischen Staat zu meinen, der aber faktisch Jüdinnen und Juden in Deutschland trifft, sie ausgrenzt und stigmatisiert.

Menschen, Bürgerinnen und Bürger, Akteure in allen gesellschaftlichen Bereichen haben es jetzt in der Hand, durch ihren nachhaltigen Einsatz gegen jeden Antisemitismus dafür zu sorgen, dass es für Jüdinnen und Juden eine Zukunft in Deutschland gibt. Nicht weniger steht auf dem Spiel.

Worte haben wir genug gehört. Wir brauchen jetzt echte Veränderungen.

Kassel, den 11. Oktober 2019