#ks20juli Nachbereitung (4/5)

„Aber Israelkritik ist doch nicht antisemitisch!“
– doch, immer wieder. (Und haben Sie schonmal was von „Dänemark-Kritik“ gehört?)

In unserer Serie „#ks20juli Nachbereitung“ erklären wir heute, warum Äußerungen über den Staat Israel antisemitisch sein können – auch dann, wenn die sprechende Person das selbst nicht realisiert und möglicherweise nicht intendiert. Das zu verstehen ist wichtig, weil der antisemitische Gehalt von Gedanken, Äußerungen und Kampagnen sich nicht immer so einfach erschließt wie bei einer Parole wie „Juden raus!“. Antisemitismus aber ist in allen seinen Ausprägungen schädlich und gefährlich. Er macht jüdischen Menschen das Leben schwer, stellt ihre Existenz in Frage und zerstört die Demokratie.

Tatsächlich äußert sich Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft und von Menschen, die sich als links und antirassistisch verstehen, häufig durch eine Kommunikation über den jüdischen Staat Israel – das nennt man „israelbezogenen Antisemitismus“. Das Jahr 2014 hat in der ganzen Bandbreite gezeigt, welche Ausformungen das annehmen kann. Damals wurde von vermeintlichen „Israelkritikern“ und „Plästinenserfreunden“ der israelische Ministerpräsident mit Adolf Hitler gleichgesetzt. Eine solche Darstellung hat mit der Realität nichts zu tun und ist damit eine Dämonisierung, die zudem mit einem Entlastungswunsch bezüglich der Verbrechen der Nationalsozialisten an den europäischen Juden einhergehen kann.

+++Was ist legitime Kritik?+++
Wie aber kann man sich der Frage nähern, ob eine Äußerung über Israel antisemitisch ist? Zum einen, indem man „legitime Kritik“ definiert, wie die Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel es in einer ihrer zahlreichen fundierten Untersuchungen aktueller antisemitischer Äußerungsvarianten getan hat. Sie schrieb, legitime Kritik sei eine „kommunikative Handlung, die realitätsbezogen, wahrheits- und problemorientiert Bewertungen vermittelt, um eine Veränderungsmöglichkeit aufzuzeigen, die als Verbesserung zu erachten ist“. Eine solche Äußerungsform unterscheide sich „maßgeblich von anderen kommunikativen Handlungen wie z.B. Beschimpfen, Beleidigen, Verunglimpfen, Verleumden und Diskriminieren“ (Zitate aus: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert, Berlin 2013).

+++Der 3 D-Test ermöglicht eine Einordnung+++
Hilfreich für die Abgrenzung ist zudem der sogenannte „3 D-Test“. Er geht davon aus, dass Dämonisierung, das Anlegen doppelter Standards und die Deligitimierung des Staates Israel in seiner grundsätzlichen Existenz und seinen Sicherheitsbedürfnissen klare Hinweise auf eine antisemitische Aussage über Israel sind (kurz und bündig erklärt etwa hier: www.tagesschau.de/faktenfinder/kurzerklaert/israelkritik-antisemitismus-101.html).

+++Die BDS-Kampagne ist antisemitisch+++
Und nicht zuletzt müssen sich klar israelfeindliche Kampagnen wie „BDS“ (Boycott, Divestment and Sanctions gegen Israel) aus gutem Grund vorwerfen lassen, antisemitisch zu sein. Auch linke und gegenüber israelischen Regierungen prinzipiell zur Kritik bereite Wissenschaftler wie Floris Biskamp kommen zu dem Schluss, dass die BDS-Kampagne im Kern judenfeindlich ist: „Sie ist durch eine rational nicht begründbare (negative) Fixierung auf Israel gekennzeichnet, sie ist durch die Reproduktion von Elementen des antisemitischen Weltbildes geprägt und sie verschlechtert durch die Delegitimierung der nationalen Selbstbestimmung des jüdischen Volkes effektiv die Lebenschancen von Jüd_innen als Jüd_innen.“ (aus: http://blog.florisbiskamp.com/bds)

Wir meinen: Eine glaubwürdige Arbeit gegen Rechtsextremismus ist nur möglich, wenn man sich klar gegen jeden Antisemitismus positioniert. In Kassel und überall.