Obelisk: Wir müssen herausfinden, was uns verbindet

obeliskZum unangekündigte Abbau des Obelisken in den frühen Morgenstunden am Tag der Deutschen Einheit sagt Martin Sehmisch, Leiter der Informationsstelle Antisemitismus Kassel am Sara Nussbaum Zentrum:

„In einer Demokratie gelten Parlamentsbeschlüsse. Deshalb ist es richtig, dass der Obelisk abgebaut wurde. In einer Demokratie geht es aber auch darum, verschiedene Meinungen nebeneinander gelten zu lassen. Deshalb wäre es wichtig gewesen, ein Kunstwerk, das Gegenstand einer breiten öffentlichen Debatte war, nicht heimlich nachts abzubauen, sondern allen, die daran Interesse haben, einen letzten Blick und einen Abschied zu ermöglichen. Dies wäre ein Zeichen des Respekts gewesen gegenüber dem Künstler, gegenüber der documenta als wichtiger Institution der Stadt und gegenüber den Teilen der Zivilgesellschaft, die sich für den Verbleib ausgesprochen haben. Denn Demokratie ist nicht nur eine geregelte Verfahrensweise, sie lebt auch vom demokratischen Geist der Beteiligten. Diesen vermisse ich bei diesem Vorgehen schmerzlich.

Zugleich ist es wichtig, dass die mit dem Obelisken eng verknüpfte Debatte über die Asyl-Zuwanderung ehrlich geführt wird. Probleme, die mit dieser Zuwanderung einhergehen, müssen offen und lösungsorientiert benannt und bearbeitet werden – nur so können wir Demokratie praktizieren, nur so können wir die Rechtspopulisten zurückdrängen. Autoritarismus, Antisemitismus, Rassismus, Islamismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie greifen die Grundlagen unserer freiheitlichen Demokratie an – unabhängig davon, ob sie als Überzeugung bei oder als Handlung durch deutsche oder ausländische Personen wirksam werden. Wir sollten diese zerstörerischen Einstellungen deshalb ungesehen der Herkunft der Träger mit einer klaren Haltung beantworten.

Der Diskurs darüber, was das konkret bedeutet, gehört in die Mitte der Gesellschaft. Seine Aufgabe ist, herauszufinden und zu definieren, was uns verbindet. Für dieses notwendige Gespräch hat die nicht angekündigte Aktion der Stadt Kassel nichts getan – im Gegenteil, sie hat diesem Gespräch neue Steine in den Weg gelegt. In einer Zeit, in der sich europaweit autoritäre Demokratieverächter anschicken, Pluralismus durch kulturelle Dominanz und das Prinzip der Freiheit gegen autokratische Symbolik zu ersetzen ist es aber unerlässlich, dieses Gespräch möglich zu machen und zu führen.“

(Foto: Tim König)