Nach Paris

paris20. November 2015

Ein Kampf für Normalität 

Von Martin Sehmisch

Wir sind vor die Herausforderung gestellt, auf die bestialischen Anschläge islamistischer Terroristen in Paris die richtigen Antworten zu finden. Viele Menschen haben mit Anteilnahme und Solidarität reagiert, als sie in sozialen Netzwerken ihre Profilbilder in die Farben der französischen Trikolore kleideten. Diese symbolischen Handlungen tragen ein wichtiges Bekenntnis in sich: „Es geht mich an!“ Dennoch ist klar: Symbole werden nicht ausreichen. Die Herausforderung wird andauern, auch wenn in einigen Tagen oder Wochen neue Profilbilder gepostet werden. Sicherheitsexperten sprechen davon, dass uns eine „langanhaltende Abwehrschlacht“ gegen islamistischen Terrorismus bevorsteht. Zu ihr müssen wir alle etwas beitragen, und darauf sollten wir uns nun vorbereiten. Aber wie?

Der Ausnahmezustand wird in zivilen Räumen vorbereitet

Zunächst, indem wir uns klar machen, dass der Kampf gegen den nihilistischen „Islamischen Staat“ nicht nur von Militär, Geheimdiensten und Polizei geführt werden wird, sondern auch von uns Zivilisten in politischen und religiösen Räumen. Die terroristischen Ideologen rekrutieren in diesen zivilen Räumen Nachwuchs, sichern sich weltanschauliche Rückzugsräume und treiben ihre Expansion voran. An dieser Basis können und müssen wir Bürgerinnen und Bürger einen Beitrag zum Abwehrkampf leisten. Uns unterscheidet dabei eins ganz wesentlich von den Jihadisten: Sie wollen den Ausnahmezustand – wir wollen die Normalität. Sie wollen möglichst viele Menschen in den Tod reißen – wir wollen erfülltes, gutes Leben für alle. Unsere Beiträge in politischen und religiösen Räumen zur Bekämpfung des Terrorismus müssen das unbedingt vor Augen haben. Das unterscheidet sie von der Endzeitstimmung, die rechtsextreme Bewegungen wie Pegida lustvoll befördern.

Für eine Kultur der Konsequenz

Die erfolgreiche Verteidigung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wird nicht ohne einen Prozess des Umdenkens zu haben sein. Der häufig beschworenen, manchmal auch zur leeren Geste erstarrten Kultur der Toleranz muss eine Kultur der Konsequenz zur Seite gestellt werden. Religiöse Freiheit für alle – ja! Meinungsfreiheit – ja! Wir werden aber künftig früher Grenzen setzen müssen, wenn Terrorismus gerechtfertigt und befürwortet wird, wenn jihadistische Parallelwelten entstehen. Wir werden klare rote Linien einziehen müssen, weil Freiheit und Demokratie keine garantierten Zustände sind, sondern immer wieder erstritten und verteidigt werden müssen. Es muss künftig selbstverständlich sein, dass pro-jihadistische Äußerungen, Haltungen und Taten zu Konsequenzen führen. Das ist die Aufgabe von Bildungseinrichtungen, staatlichen Stellen, politischen Akteuren – und jedem einzelnen von uns.

Ein Bund für Demokratie und Liberalität

Eine Kultur der Konsequenz kann nur durchgesetzt werden, wenn wir gleichzeitig einen Bund für Demokratie und Liberalität schließen und aktiv mit Leben füllen. Zu diesem Bund gehören Juden und Muslime, Christen und Atheisten, Linke, Liberale und Konservative. Den Prozess des Umdenkens und den langanhaltenden Kampf für Freiheit und Demokratie werden wir nur gemeinsam bewältigen können. Wer ernsthaft bezweifelt, dass es Muslime gibt, die ein hohes Interesse daran haben, Teil dieses Bundes zu sein, der möge sich bitte vor Augen halten, dass die große Mehrheit der Opfer des „Islamischen Staates“ Muslime sind. Dennoch wäre es gut, auf muslimischer Seite Bewegung zu sehen: Es muss Schluss damit sein, dass islamische Organisationen das Problem mit dem bequemen Verweis wegschieben, das alles sei nicht der wirkliche Islam. Vielmehr müssen wir alle erkennen, dass die Islamisten einen Deutungskampf losgetreten haben zu der Frage, was der „wirkliche Islam“ ist – und in weiten Teilen des Internets sind sie dabei, diesen Kampf zu gewinnen. Statt sich nur von ihren Taten zu distanzieren, ist es nötig, dass islamische Akteure diesen Deutungskampf aufnehmen und die Islamisten auf diesem Terrain bezwingen.

Islamistischen Antisemitismus benennen und bekämpfen

Eine nicht ganz eindeutige Antwort gibt es bislang bei der Frage, ob die Anschläge in Paris als antisemitisch einzustufen sind. Während die Vereinigung Jüdischer Verbände in Frankreich (CRIF) dies zunächst verneint hat und viele Kommentatoren darauf hinweisen, dass die Anschläge vor allem gegen das westliche Leben gerichtet seien, heben andere hervor, dass Antisemitismus fest in der jihadistischen Ideologie verankert ist. Die Antworten sind nur scheinbar gegensätzlich. Der Jihadismus ist eine extreme Form, antisemitische Vernichtungsphantasien auszuleben. In den Juden sehen islamistische Antisemiten das exemplarische Gegenstück zu ihrer gleichgeschalteten islamischen Umma. So, wie die Nationalsozialisten allen Juden unterstellten, sie seien kosmopolitisch und zersetzten den Nationalstaat, so glauben die Jihadisten heute, die Juden verbreiteten Homosexualität, „perverse“ Lebensfreunde und Gottlosigkeit.

Wie bei jedem Antisemitismus handelt es sich um eine Wahnvorstellung. Der Antisemitismus bedroht Juden in besonderer Weise, aber er meint letztlich in der Konsequenz immer auch die offene Gesellschaft. Neben einer neuen Kultur der Konsequenz und dem Bund für Demokratie und Liberalität muss deshalb klar sein, dass Judenfeindschaft in seiner islamistischen Ausprägung künftig schneller erkannt, klarer benannt und entschlossener und vor allem vereint bekämpft werden muss.

Israel als Partner, von dem wir lernen können

Kein gutes Beispiel sind europäische Politiker, die sich die ebenso dumme wie empörende Behauptung zu eigen machen, Israels Politik sei der Ursprung des Terrors in Paris. Statt nun auch die Pariser Anschläge zu nutzen, um den jüdischen Staat zu dämonisieren wäre es klug, auf die Erfahrungen der israelischen Gesellschaft bei der Bewältigung von Terrorismus zurückzugreifen. Zu fragen ist auch, warum es vielen so schwer fällt, sich mit dem ebenfalls von nihilistischem Terrorismus betroffenen Israel zu solidarisieren. Es mag aus europäischer Sicht nicht der vordringlichste Aspekt des künftigen langanhaltenden Kampfes gegen Terrorismus sein, die Zusammenarbeit mit und Verteidigung von Israel voranzutreiben und den israelbezogenen Antisemitismus klar zurückzuweisen. Aber auch das ist ein unverzichtbarer Teil des Kampfes für Normalität. Es gibt viel zu tun.


Martin Sehmisch ist Soziologe und Kommunikationsberater.