serious ! talk

Vortragsreihe der Jüdischen Gemeinde Kassel und des Sara Nussbaum Zentrums für Jüdisches Leben

Wie geht man mit aktuellem Judenhass, gerade im künstlerischen Kontext, um? Die Anfang des Jahres geäußerten Vorwürfe gegen die documenta fifteen und die kürzlich angekündigte Gesprächsreihe der Kasseler Kunstschau machen diese Frage hoch aktuell.

Die Jüdische Gemeinde Kassel und das Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben veranstalten vor diesem Hintergrund eine Vortragsreihe mit dem Titel „serious ! talk“ (engl. „ernsthaftes Gespräch“). Zu Wort kommen Experten zu postmodernem Antisemitismus.

Termine

AKTUELL Wenn Bilder töten. Eine Auseinandersetzung mit dem Gaza-Guernica-Zyklus von Mohammed al Hawajri auf der documenta fifteen“

Vortrag von Dr. Andreas Mertin

10. August 2022
18 Uhr
Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben (Ludwig-Mond-Straße 127)

Veranstaltung in Kooperation mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

Jean-François Millet, Harvesters Resting (Ruth and Boaz), 1853

In der Diskussion um problematische Bilder der documenta fifteen sind es vor allem drei künstlerische Beiträge, die die öffentliche Diskussion bestimmen: die Wimmelbilder des Kollektivs Taring Padi, die Propagandafilme für die PFLP von Masao Adachi und der „Guernica-Gaza 2010-2013“-Zyklus von Mohammed al Hawajri.

In der Veranstaltung soll es um die konkrete Beschäftigung mit diesem Zyklus gehen, von dem vier Werke im WH22 zu sehen sind. Was ist daran problematisch, was ist sogar toxisch und wie wird dabei die europäische Kunstgeschichte als politisches Instrument eingesetzt? Es hieße, die Macht der Bilder zu unterschätzen, wenn man diese Bilder bloß als Dokumente und nicht auch als Argumente, das heißt als visuelle Waffen in der intellektuellen Auseinandersetzung versteht. Aber was heißt das und woran erkennt man das?

Andreas Mertin ist ev. Theologe, Kulturwissenschaftler und Kunstkurator. Er hat in Kassel von 1997 bis 2007 die Begleitausstellungen der Ev. Kirche zur Documenta kuratiert und ist aktuell Herausgeber des Magazins für Theologie und Ästhetik (www.theomag.de).


„Antisemitismus als Kulturgut. Über Strategien der Verharmlosung im künstlerischen Betrieb“

Vortrag von Tom Uhling (M.Sc.)

2. Juni 2022
19.30 Uhr
Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben (Ludwig-Mond-Straße 127)

Tom Uhlig (Bild: privat)

Antisemitismus hat im Kulturbetrieb andere Ausdrucksmöglichkeiten als in anderen Sphären der Gesellschaft. Von Fassbinders Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ zu Günther Grass Gedicht „Was gesagt werden muss“, kann sich die Feindschaft gegen Jüdinnen und Juden auf den doppelten Boden verlassen, die ihnen die künstlerische Verbrämung bietet. Anstatt, dass über die dort aufgerufenen Bilder von „reichen Juden“ oder dem Israel als „Gefährdung des Weltfriedens“ diskutiert wird, forciert der Kulturbetrieb eine Verschiebung hin zum debattenförmigen Gerede über Kunstfreiheit. Der wirkmächtigste Versuch einer solchen Verschiebung jüngerer Geschichte war wohl die Initiative Weltoffenheit GG 5.3 – ein beispielloser Zusammenschluss von Kulturgiganten, die lamentierten, der Bundestagsbeschluss gegen die antisemitische Boykottbewegung BDS würde ihre Arbeit erheblich einschränken.

Tom Uhlig ist politischer Referent in Frankfurt sowie Mitherausgeber der Zeitschrift für psychoanalytische Sozialpsychologie „Freie Assoziation“ und der „Psychologie & Gesellschaftskritik“. Zusammen mit Eva Berendsen und Katharina Rhein veröffentlichte er 2020 „Extrem Unbrauchbar. Über Gleichsetzungen von links und rechts“ (Verbrecher Verlag)

Moderation: Lasse Schauder


„Postmoderner Antisemitismus – Judenfeindschaft als „‚Wokeness‘“

Vortrag von Dr. Ingo Elbe

14. Juni 2022
19.30 Uhr
Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben (Ludwig-Mond-Straße 127)

Dr. Ingo Elbe (Foto: privat)

Seit einigen Jahren wird die Frage diskutiert, ob ein „neuer“ oder „ehrbarer Antisemitismus“ (Jean Améry) nicht längst zum festen Bestandteil eines postmodernen Antirassismus geworden ist. In diesem von Michel Foucault, Edward Said oder Judith Butler inspirierten postmodernen Diskurs findet sich nämlich ein systematischer Zusammenhang von begrifflicher Einebnung und Verleugnung des Antisemitismus, Relativierung des Holocaust, De-Thematisierung vor allem der islamischen Judenfeindschaft und Ressentiment gegen Israel. Dieser akademische Diskurs beeinflusst auch den politischen Aktivismus, den Kunstbetrieb, viele Medien und zivilgesellschaftliche Institutionen.

Im Vortrag wird vor allem der genuin ‚anti-identitär‘ und pseudohumanistisch auftretende postmoderne Antisemitismus untersucht, der ein an den christlichen Judenhass erinnerndes „Jew-splitting“ (Bruno Chaouat) betreibt: Der „gute Jude“ ist neben dem toten Juden des Holocaust hier derjenige, der für Diaspora, Zerstreuung und Überschreitung der eigenen Identität durch gewaltlose Auslieferung an ‚den Anderen‘ steht. Der „böse Jude“ wird dagegen als verstockter zionistischer Nationalist und Siedlerkolonialist betrachtet, dessen Ideen souveräner Identität und Selbstverteidigung dem ewigen Frieden der postnationalen und multikulturellen Gesellschaft im Wege stehen. Juden dürfen hier nur noch existieren, wenn sie ‚konvertieren‘, ihre Identität negieren und auf Selbstverteidigung verzichten.

Dr. Ingo Elbe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Privatdozent am Institut für Philosophie der Universität Oldenburg. Zum Thema publizierte er zuletzt: Postmoderner Antisemitismus auf haGalil.com – Jüdisches Leben online sowie The Anguish of Freedom. Is Sartre’s existentialism an appropriate foundation for a theory of antisemitism? In: Antisemitism Studies/April 2020. Aktuelles Buch: Gestalten der Gegenaufklärung. Untersuchungen zu Konservatismus, politischem Existentialismus und Postmoderne. (2. Aufl. Würzburg 2021), in dem auch die Themen Antisemitismus und Holocaustrelativierung behandelt werden (daraus online zugänglich: “… it’s not systemic”. Antisemitismus im postmodernen Antirassismus. sowie Die „Verschwörung der Asche von Zion“. Anmerkungen zum postkolonialen Angriff auf die Singularität des Holocaust.

Moderation: Lasse Schauder

Hintergrund der Vortragsreihe

„Das Sara Nussbaum Zentrum beschäftigt sich in seiner Arbeit seit sechs Jahren erfolgreich in Ausstellungen, Bildungsarbeit, Veranstaltungen und Aktionen mit Themen rund um Antisemitismus und jüdisches Leben in Kassel und in der Region“, so Elena Padva, Leiterin des SNZ. Der Blick auf die Gästeliste der documenta-Reihe habe nun gezeigt, dass weitere personelle Schwerpunkte nötig und auch möglich seien.

Auch Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hatte sich in dieser Woche in einem Brief an Kulturstaatsministerin Claudia Roth zur Debatte geäußert. „Gegen Antisemitismus helfen nur klare Bekenntnisse und noch viel mehr, entschlossenes politisches Handeln auf jeder Ebene von Politik, Kunst, Kultur und Gesellschaft“, schreibt Schuster. Von dieser Verantwortung dürfe sich niemand – auch nicht im Namen der Kunstfreiheit – freisprechen. „Wir können dieser Haltung nur vollumfänglich zustimmen“, sagt Ilana Katz, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kassel.