Nach dem Anschlag in Halle: Was nun?

Jüdische Stimmen zu der Frage, was jetzt wichtig ist

Mirna Funk (zum Artikel): „Beschäftigt euch mit jenen, um die ihr so sehr trauert. Folgt jüdischen Medien und Accounts. Lest jüdische Literatur. Erarbeitet euch Wissen zur jüdischen Kultur und Geschichte. Hinterfragt, ob ihr antisemitische Vorurteile in euch tragt. Warum? Damit ihr beim nächsten Essen oder Meeting antisemitische Ressentiments dechiffrieren und ansprechen könnt. Damit ihr aktiv in den Kindergärten und Schulen eurer Kinder die Erarbeitung von Wissen und Empathie einfordert. Werdet zu starken BürgerInnen, anstatt die Verantwortung auf die Politik abzuwälzen. Wir brauchen keine Beileidsbekundungen, Trauer oder Bestürzung. Wir brauchen echtes Interesse, das zum Auflösen von Vorurteilen beiträgt, und Zivilcourage in jeder Lebenslage.“ zum Artikel

Richard C. Schneider (zum Artikel): „Das große Problem in Deutschland ist, dass ‚Auschwitz‘ zur Messlatte für Judenhass gemacht wurde. Alles, was ‚weniger schlimm‘ als Auschwitz ist, konnte jahrzehntelang sozusagen unten durchspazieren. Das ‚Wehret den Anfängen‘, das ‚Nie wieder!‘ ist längst zur Phrase geworden bei all den Gedenkveranstaltungen, die nur noch starres Staatsritual sind und nichts, aber auch gar nichts mit der gesellschaftlichen Realität zu tun haben. Die Gemeinplätze, die in solchen Reden von Politikern jeder Couleur abgelassen werden, stammen alle aus demselben Sprachbausteinkasten. Leeres Geschwätz. Denn es sind längst keine ‚Alarmzeichen‘ mehr, wie die Vorsitzende der CDU selbst noch nach dem Attentat von Halle meinte. Wir sind bereits ‚mittendrin‘.“ zum Artikel

Leo Schapiro (zum Artikel): „Um es klar zu sagen: ich kann diese leeren Floskeln nicht mehr hören! Deutschland 2019, das ist nicht nur der entsetzliche Angriff eines Neonazis auf eine Synagoge in Halle […] Dieses Land muss den Worten endlich Taten folgen lassen! Jeder Bürger dieses Landes hat daher die Pflicht, in der Familie, im Beruf oder im Sportsverein seine Stimme gegen antisemitische Äußerungen zu erheben. Wer schweigt, macht sich mitschuldig, dass alltäglicher Fremdenhass das Klima in der Gesellschaft vergiftet.“ zum Artikel


Antisemitischer Terror: Zeit für tiefgreifende Veränderungen

von Martin Sehmisch, Leiter der Informationsstelle Antisemitismus Kassel (ISAK)

Der Terroranschlag in Halle hat gezeigt, dass Antisemitismus für Jüdinnen und Juden nicht nur eine Belastung im Alltag ist, die mit zum Teil erheblichen Einschränkungen des Gefühls von persönlicher und kollektiver Freiheit und Sicherheit einhergeht. Der Anschlag hat gezeigt, dass Antisemitismus für sie auch eine potentiell tödliche Bedrohung ist.

Es ist festzustellen:

  • Symbolische Gesten können der Ausdruck aufrichtiger Betroffenheit sein. Wir brauchen jetzt aber vor allem eine echte Bereitschaft zu tiefgreifenden Veränderungen, die auch gegen Widerstände durchgesetzt werden. Dies betrifft viele Bereiche, etwa Sicherheitsbehörden, Zivilgesellschaft, Bildungseinrichtungen sowie Medien und Politik.
  • Die Erfahrungen, die Jüdinnen und Juden mit Antisemitismus machen, sind konkret und werden von nichtjüdischen Menschen selten gekannt und geteilt. Es gibt bei manchen Betroffenen ein Gefühl der Isolation durch Nichtverständnis. Die Empfindungen und Realitäten jüdischer Menschen zu begreifen – etwa das tief in die jüdische Gemeinschaft eingeschriebene Angstgedächtnis – ist eine Herausforderung. Wir hoffen, dass mehr Menschen sie annehmen, mit ganzem Herzen und ganzem Verstand.
  • Es muss Schluss sein mit der Normalisierung von Hass und Abwertung. Menschen und ihre Rechte sind grundsätzlich zu achten. Wir brauchen klare Grenzen für menschenfeindliche Aktionen und Akteure in allen Räumen, on- und offline. Wir brauchen mutige, engagierte Menschen, die diese Grenzen besonnen und nachhaltig durchsetzen. Auch, aber nicht nur für ihre jüdischen Freunde, Nachbarn und Kollegen.
  • Es muss Schluss sein damit, Antisemitismus immer nur beim politischen Gegner erkennen zu wollen. Wir brauchen Menschen, die in ihrer eigenen Umgebung Veränderungen durchsetzen und Antisemitismus kritisieren und ächten. Gegen jeden Antisemitismus vorzugehen heißt, jede Ausformung von Antisemitismus als Bedrohung jüdischer Menschen ernst zu nehmen.
  • Es muss Schluss sein mit der Akzeptanz der vermeintlich gesellschaftsfähigen Version des Antisemitismus, des Hasses auf Israel, der vorgibt, den jüdischen Staat zu meinen, der aber faktisch Jüdinnen und Juden in Deutschland trifft, sie ausgrenzt und stigmatisiert.

Menschen, Bürgerinnen und Bürger, Akteure in allen gesellschaftlichen Bereichen haben es jetzt in der Hand, durch ihren nachhaltigen Einsatz gegen jeden Antisemitismus dafür zu sorgen, dass es für Jüdinnen und Juden eine Zukunft in Deutschland gibt. Nicht weniger steht auf dem Spiel.

Worte haben wir genug gehört. Wir brauchen jetzt echte Veränderungen.

Kassel, den 11. Oktober 2019

Neues Projekt: „Wir haben Fragen“

Die Geschäftsführerin des Sara Nussbaum Zentrums, Ilana Katz, und Projektleiter Martin Sehmisch. (Fotos: fw/js)

Der Mord an Dr. Walter Lübcke, die Wahlerfolge der AfD, rechtsextreme Vorfälle bei der Polizei, sich ausbreitende Unsicherheit und Abstiegsangst – Freiheit und Demokratie sind derzeit einem erheblichen Stresstest ausgesetzt. Das Sara Nussbaum Zentrum hat mit Unterstützung des Landes Hessen die Möglichkeit, eine Ad hoc-Veranstaltungsreihe mit ca. 3-4 Veranstaltungen zu diesem Themenbereich durchzuführen.

Wir möchten einige der Fragen, die sich angesichts der oben nur angerissenen Entwicklungen stellen, möglichst fundiert stellen sowie informativ und multiperspektivisch behandeln, etwa:

  • Welche (lokalen) Bündnisse und Allianzen können wir gegen Rechtsextremismus und -terrorismus eingehen?
  • Können wir der Polizei noch vertrauen? Wie funktioniert Polizeiarbeit gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus?
  • Welche Handlungsoptionen haben Staat und Zivilgesellschaft jetzt, um Freiheit und Demokratie zu stärken?

Die Veranstaltungsreihe soll beteiligungsorientiert ablaufen, also Menschen einbeziehen, ihre Fragen hörbar machen und sie mit Expert*innen und Vertreter*innen staatlicher Einrichtungen ins Gespräch bringen.

Bei einem Auftakt mit Akteuer*innen der Zivilgesellschaft haben wir Anfang Oktober erste Fragen gesammelt (siehe Fotos). Jetzt geht es an die Organisation der Veranstaltungen, die im November stattfinden sollen.

Haben Sie ebenfalls Fragen? Möchten Sie mitwirken? Rufen Sie uns an (Telefon 0561-93728281) oder schreiben Sie uns eine E-Mail (info@sara-nussbaum-zentrum.de)!

Vermehrt rechtsextremer Vandalismus im Stadtgebiet

Einer der beschädigten Bäume im Aschrottpark

Die Informationsstelle Antisemitismus Kassel (ISAK) hat in den vergangenen Wochen vermehrt Fälle von rechtsextremem Vandalismus verzeichnet. „Allein im Aschrottpark stehen derzeit mindestens vier Bäume, die mit Hakenkreuzen und anderen rechtsextremen Symbolen besprüht wurden“, sagte ISAK-Leiter Martin Sehmisch am Donnerstag in Kassel. Die Symbole seien mittlerweile durch aufgetragene Farbflächen unkenntlich gemacht worden. Auch neben dem Rathaus sei vor wenigen Tagen ein gut sichtbares Hakenkreuz gesehen worden. Zudem hätten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde die verbotenen Symbole auch in Gebäuden entdeckt.

Anfang September hatte ISAK gemeldet, dass die Schriftzüge „NSDAP Deutschland“ und „SA“ von Unbekannten an das Geländer einer Aussichtsplattform am Rand des Aueparks angebracht wurden. Ende März waren Hitler-Bilder aufgetaucht, Anfang April große SS-Runen. Weitere Fälle waren von der Polizei vermeldet worden. Hinzu kämen immer wieder Aufkleber mit rechtsextremen Inhalten, die in unregelmäßigen Abständen dutzendfach im Stadtgebiet auftauchten. Zudem habe im Frühjahr ein Zeuge ISAK von nächtlichen „Sieg Heil“-Rufen in der Königsstraße berichtet.

Appell: Rechtsextremen Vandalismus melden

„Wir appellieren an Zeuginnen und Zeugen, derartige Straftaten der Polizei und uns als zivilgesellschaftlicher Meldestelle mitzuteilen“, sagte ISAK-Leiter Martin Sehmisch. Anschließend könne man sich auch an die Stadt Kassel wenden und um eine Entfernung der verbotenen Symbole bitten. Die Meldung eines antisemitischen Vorfalls bei der Informationsstelle Antisemitismus ersetzt zwar keine Strafanzeige, betonte Sehmisch. „Wir geben aber bei Bedarf gerne eine erste Einschätzung, ob ein Vorgang strafbar sein könnte und unterstützen Betroffene und Zeug*innen in ihrem Vorgehen.“

Ilana Katz: Propaganda-Delikte ernst nehmen

„Für die Betroffenen ist es wichtig, dass diese Straftaten ernst genommen werden“, betonte die Geschäftsführerin des Sara Nussbaum Zentrums, Ilana Katz. „Die Delikte sind sichtbare Zeichen dafür, dass es leider auch heute Menschen gibt, die sich aktiv nationalsozialistisch betätigen“, sagte sie. „Für die jüdische Community sind diese sichtbaren Zeichen sehr unangenehm – aber wir lassen uns davon nicht einschüchtern und vertreiben“, sagte Katz. Gerade vor dem Hintergrund des mutmaßlich von Neonazis verübten Mordes an Walter Lübcke sei es aber wichtig, dass die Aufmerksamkeit gegenüber sichtbarem Rechtsextremismus von vielen Menschen im Alltag gelebt werde. „Wir sind alle Teil dieser Stadt und Teil dieser Gesellschaft und es sollte uns interessieren, welches Gesicht diese Stadt und diese Gesellschaft in der Öffentlichkeit zeigt“, sagte Katz.

Informationsstelle Antisemitismus Kassel (ISAK)
Die Informationsstelle Antisemitismus Kassel nimmt seit Januar 2016 Schilderungen von antisemitischen Vorfällen entgegen, veröffentlicht verifizierte und freigegebene Vorfallsmeldungen, bietet Betroffenen eine Erst- und Verweisberatung an und leistet eine advokatorische Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Sie ist die zweite Meldestelle für antisemitische Vorfälle, die in Deutschland eingerichtet wurde und ist beim Sara Nussbaum Zentrum angesiedelt. Kooperationspartner sind die Jüdische Gemeinde Kassel und die Jüdische Liberale Gemeinde Region Kassel.

isak@sara-nussbaum-zentrum.de, Telefon 0561-93728281

Kasseler Museumsnacht 7. September 2019

Im Rahmen der Kasseler Museumsnacht hat das Sara Nussbaum Zentrum auch dieses Jahr wieder viele interessierte Besucherinnen und Besucher empfangen dürfen. Aus diesem Anlass hat die Leiterin des Sara Nussbaum Zentrums, Elena Padva, jeweils drei Führungen durch die Dauerausstellung „700 Jahre Juden in Kassel“ angeboten. Zusätzlich gab es die Möglichkeit, sich die aktuelle Gemäldeausstellung „Begegnungen“, in Anwesenheit der Künstlerin Jutta Schlier, anzuschauen. Musikalisch umrahmt wurde das Programm durch traditionelle sowie neue jiddische und hebräische Lieder von Anna Vishnevska.

Für die allgemeine Öffentlichkeit ist die Ausstellung wieder am Sonntag, den 20. Oktober, von 14 bis 17 Uhr zugänglich. Um 15 Uhr führt die Künstlerin Jutta Schlier an diesem Tag durch die aktuelle Gemäldeausstellung des Hauses. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

#ks20juli Nachbereitung (5/5)

Wie kann man sich effektiv für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte einsetzen?

In unserer Serie „#ks20juli Nachbereitung“ haben wir erklärt, warum wir es falsch finden, dass das „Bündnis gegen Rechts“ israelfeindliche und antisemitische Akteure in seinen Reihen duldet. Der vorletzte Beitrag in unserer Reihe schloß mit dieser Feststellung ab: „Eine glaubwürdige Arbeit gegen Rechtsextremismus ist nur möglich, wenn man sich klar gegen jeden Antisemitismus positioniert.“

Und nun?

Das „Bündnis gegen Rechts“ kann nur selbst über seine Zukunft entscheiden. Wir wissen, auf wie viele unterschiedliche Weisen Antisemitismus in unsere Gesellschaft eingewebt ist. Es ist deshalb empfehlenswert, die für erforderlich gehaltene Positionierung nicht nur auf dem Papier zu vollziehen, sondern eine echte thematische Auseinandersetzung zu führen. Nachhaltig kann nur sein, was verstanden wurde. Das ist anstrengend. Wir wünschen denen, die im „Bündnis gegen Rechts“ für eine klare Abgrenzung gegen Antisemitismus und Israelhass arbeiten, viel Erfolg. Wir helfen bei Bedarf gerne mit unserer Expertise.

Wir selbst werden im Herbst den Blick etwas weiten. Dazu laden wir Sie zur Mitwirkung ein. Wir möchten im Rahmen einer Veranstaltungsreihe Fragen stellen zum Zustand der Gesellschaft, in der wir leben. Wie können wir auf die Bedrohung von Freiheit und Demokratie reagieren? Wie gefährlich sind Rechtsextremisten und -terroristen? Welche Bündnisse braucht es gegen jeglichen Extremismus? Wie können effektive Strategien gegen Antisemitismus aussehen? Wie stark ist das Vertrauen in die staatlichen Institutionen? Was braucht eine demokratische Zivilgesellschaft jetzt, und was kann sie leisten?

#wirhabenfragen
Sie auch? Beteiligen Sie sich!

  • Melden Sie sich für unsere Ideenwerkstatt an, in deren Rahmen #wirhabenfragen entwickelt wird.
  • Tragen Sie sich in den Newsletter des Sara Nussbaum Zentrums ein.
  • Beschäftigen Sie sich inhaltlich mit aktuellen Formen von Antisemitismus.

Nehmen Sie dazu einfach Kontakt mit uns auf:
Telefon 0561-93728281
assistenz@sara-nussbaum-zentrum.de

#ks20juli Nachbereitung (4/5)

„Aber Israelkritik ist doch nicht antisemitisch!“
– doch, immer wieder. (Und haben Sie schonmal was von „Dänemark-Kritik“ gehört?)

In unserer Serie „#ks20juli Nachbereitung“ erklären wir heute, warum Äußerungen über den Staat Israel antisemitisch sein können – auch dann, wenn die sprechende Person das selbst nicht realisiert und möglicherweise nicht intendiert. Das zu verstehen ist wichtig, weil der antisemitische Gehalt von Gedanken, Äußerungen und Kampagnen sich nicht immer so einfach erschließt wie bei einer Parole wie „Juden raus!“. Antisemitismus aber ist in allen seinen Ausprägungen schädlich und gefährlich. Er macht jüdischen Menschen das Leben schwer, stellt ihre Existenz in Frage und zerstört die Demokratie.

Tatsächlich äußert sich Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft und von Menschen, die sich als links und antirassistisch verstehen, häufig durch eine Kommunikation über den jüdischen Staat Israel – das nennt man „israelbezogenen Antisemitismus“. Das Jahr 2014 hat in der ganzen Bandbreite gezeigt, welche Ausformungen das annehmen kann. Damals wurde von vermeintlichen „Israelkritikern“ und „Plästinenserfreunden“ der israelische Ministerpräsident mit Adolf Hitler gleichgesetzt. Eine solche Darstellung hat mit der Realität nichts zu tun und ist damit eine Dämonisierung, die zudem mit einem Entlastungswunsch bezüglich der Verbrechen der Nationalsozialisten an den europäischen Juden einhergehen kann.

+++Was ist legitime Kritik?+++
Wie aber kann man sich der Frage nähern, ob eine Äußerung über Israel antisemitisch ist? Zum einen, indem man „legitime Kritik“ definiert, wie die Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel es in einer ihrer zahlreichen fundierten Untersuchungen aktueller antisemitischer Äußerungsvarianten getan hat. Sie schrieb, legitime Kritik sei eine „kommunikative Handlung, die realitätsbezogen, wahrheits- und problemorientiert Bewertungen vermittelt, um eine Veränderungsmöglichkeit aufzuzeigen, die als Verbesserung zu erachten ist“. Eine solche Äußerungsform unterscheide sich „maßgeblich von anderen kommunikativen Handlungen wie z.B. Beschimpfen, Beleidigen, Verunglimpfen, Verleumden und Diskriminieren“ (Zitate aus: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert, Berlin 2013).

+++Der 3 D-Test ermöglicht eine Einordnung+++
Hilfreich für die Abgrenzung ist zudem der sogenannte „3 D-Test“. Er geht davon aus, dass Dämonisierung, das Anlegen doppelter Standards und die Deligitimierung des Staates Israel in seiner grundsätzlichen Existenz und seinen Sicherheitsbedürfnissen klare Hinweise auf eine antisemitische Aussage über Israel sind (kurz und bündig erklärt etwa hier: www.tagesschau.de/faktenfinder/kurzerklaert/israelkritik-antisemitismus-101.html).

+++Die BDS-Kampagne ist antisemitisch+++
Und nicht zuletzt müssen sich klar israelfeindliche Kampagnen wie „BDS“ (Boycott, Divestment and Sanctions gegen Israel) aus gutem Grund vorwerfen lassen, antisemitisch zu sein. Auch linke und gegenüber israelischen Regierungen prinzipiell zur Kritik bereite Wissenschaftler wie Floris Biskamp kommen zu dem Schluss, dass die BDS-Kampagne im Kern judenfeindlich ist: „Sie ist durch eine rational nicht begründbare (negative) Fixierung auf Israel gekennzeichnet, sie ist durch die Reproduktion von Elementen des antisemitischen Weltbildes geprägt und sie verschlechtert durch die Delegitimierung der nationalen Selbstbestimmung des jüdischen Volkes effektiv die Lebenschancen von Jüd_innen als Jüd_innen.“ (aus: http://blog.florisbiskamp.com/bds)

Wir meinen: Eine glaubwürdige Arbeit gegen Rechtsextremismus ist nur möglich, wenn man sich klar gegen jeden Antisemitismus positioniert. In Kassel und überall.

Gemäldeausstellung „Begegnungen“ von Jutta Schlier

Die nächste Sonderausstellung „Begegnungen“ mit Gemälden von Jutta Schlier wird am 1. September um 18 Uhr eröffnet. Für musikalische Umrahmung sorgt Julia Reinhardt (Klavier).

„Rote Sonne“, Acryl auf Vlies, 2019.

Jutta Schlier schichtet Farben – mal lasierend, mal pastös. Ausdrucksstark malt sie mit Acryl auf Holz, Papier oder Vlies. Geleitet von einer unbändigen Lust an Farben und Formen lässt sie so Strukturen, Tiefenwirkung und lebendige Flächen entstehen. Das Aufleuchten der Farben in ihren meist abstrakten Gemälden erinnert an die bunten Glasfenster in sakralen Räumen und verweist auf das durchscheinende „Mehr“ hinter allen Dingen. Schliers Arbeiten tragen Titel wie „In der Tiefe des Universum“, „Resümee“ oder „Himmelsbrücke“. Die Künstlerin versteht ihre Bilder als Meditationsräume. Sie möchte den Betrachterinnen und Betrachtern Zeit und Raum schenken für innere Einkehr und damit für den Blick auf das, was trägt und wesentlich ist. 

Jutta Schlier, Jahrgang 1958, ist Malerin und Exerzitienbegleiterin. Nach Theologiestudium und langjähriger Tätigkeit als Gemeindereferentin ist sie seit 2013 freischaffend künstlerisch tätig. Sie lebt mit ihrem Mann in Zierenberg bei Kassel.

Vernissage: Sonntag, 1. September 2019, um 18 Uhr in Anwesenheit der Künstlerin.
Zur Einladungskarte

Zur Kasseler Museumsnacht am Samstag, 7. September 2019, von 17 bis 1 Uhr führt Jutta Schlier um 17 Uhr und um 19:30 Uhr jeweils für etwa 30 Minuten durch die Ausstellung.

#ks20juli Nachbereitung (3/5)

Problematische Partner im „Bündnis gegen Rechts“

In unserer Serie „#ks20juli Nachbereitung“ erklären wir heute, warum einige Akteure aus dem „Bündnis gegen Rechts“ aus unserer Sicht problematisch sind.

Als Ausgangspunkt haben wir ein Foto aus dem Sommer 2014 gewählt. Damals beteiligten sich rund 2.000 Menschen in Kassel an einer lautstarken Demonstration, die vermeintlich gegen die Politik der israelischen Regierung gerichtet war. Tatsächlich ging es vielen Teilnehmern aber offenkundig darum, ihren Antisemitismus auszuleben. So wie dem jungen Mann, der an die rund 70 Gegendemonstranten gerichtet den Hitlergruß zeigte (es blieb nicht der einzige an diesem Tag). Andere setzten die Politik der israelischen Regierung mit den Verbrechen der Nationalsozialisten gleich. Wieder andere beschimpften die jüdischen und israelsolidarischen Menschen der Gegenkundgebung als „Nazis“, „Mörder“ und „scheiß Juden“. Zwei Teilnehmer der Demonstration gegen Antisemitismus wurden unabhängig voneinander Tage später auf der Straße wiedererkannt und massiv bedroht, einer mit den Worten „wir werden euch alle umbringen“.

Schon im Jahr 2009 waren „Israelkritiker“ durch Kassel gelaufen. Damals beschädigten sie einen pro-israelischen Infostand massiv, bedrängten israelsolidarische Menschen, setzten Israel mit Nazi-Deutschland gleich und schlugen einem Menschen mit einer Holzlatte auf den Kopf. Neben Vertretern des Kasseler Friedensforums, der VVN-BdA und der Katholischen Kirche nahmen dem Vernehmen nach damals auch türkische Faschisten an der Demonstration teil.

Wir stellen fest:

1. Aggressive, gegen die Existenz des Staates Israel gerichtete Demonstrationen münden in der Regel in die Manifestation von Antisemitismus. Mehrere Partner des „Bündnis gegen Rechts“ haben sich an diesen Demonstrationen im Jahr 2009 und im Jahr 2014 in Kassel beteiligt. Gleiches gilt für Einzelpersonen, die nicht für ihre gesamte Gruppe sprechen können, darunter beispielsweise ein in einer DGB-Gewerkschaft organisiertes Betriebsratsmitglied, der eine der oben genannten Bedrohungen ausgesprochen hat.

2. Der antisemitische Gehalt dieser Versammlungen und der öffentlichen Reden ist bekannt und belegt. So kam ein Kurzgutachten der Amadeu Antonio Stiftung zu dem Schluss, dass eine auf der Rathaustreppe gehaltene Rede Antisemitismus reproduziert (nachzulesen hier). Die unverblümt antisemitischen Ausfälle auf mit den Demonstrationen verbundenen Facebook-Gruppen- und -Veranstaltungsseiten sind ebenfalls umfangreich belegt (siehe Broschüre „Zwischen Anfeindung und Solidarität“). In anderen hessischen Städten sind die gleichen Muster nachgewiesen.

3. Im Zusammenhang mit diesen im Kern antisemitischen Versammlungen kommt es immer wieder zur Solidarisierung mit terroristischen Gruppen und zum Aufruf des Boykotts israelischer Waren, Dienstleistungen und Menschen („BDS“).

4. Zusätzlich problematisch sind einige der Partner des „Bündnis gegen Rechts“, weil sie auch abseits des benannten Antisemitismus völlig inakzeptable Positionen einnehmen, etwa stalinistische, demokratiefeindliche und solche, die Gewalt gegen politische Gegner befürworten.

5. Das Problem reicht weit hinein in demokratische und als demokratisch geltende Gruppen und Parteien. So war etwa das am 1. Mai 2019 während der DGB-Demonstration in Kassel gezeigte Plakat mit der Aufschrift „Gegen BDS und Israelhass – Solidarität mit der Histadrut“ einem Stadtverordneten der Linken so sehr ein Dorn im Auge, dass er zusammen mit anderen forderte, das Plakat abzuhängen.

Es ist schwer vorstellbar, mit solchen Bündnispartnern Antisemitismus wirksam zu thematisieren, zu erkennen und zu bekämpfen.

#ks20juli Nachbereitung (2/5)

Material für alle, die sich informieren möchten

Unsere Serie „#ks20juli Nachbereitung“ soll Menschen ermöglichen, die Kritik an der Politik des Bündnisses gegen Rechts besser nachzuvollziehen. Wir finden, dass die Kasseler Stadtgesellschaft JEDEN Antisemitismus klar zurückweisen sollte – egal, von wem und aus welcher politischen Ecke er geäußert wird.

Dafür ist es wichtig, Antisemitismus in seinen heutigen Ausformungen zu kennen und zu verstehen. Wir laden deshalb dazu ein, sich darüber zu informieren. Folgende Broschüren können kostenlos im Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben abgeholt oder gegen eine Portopauschale bestellt werden:

„Zwischen Anfeindung und Solidarität –
Antisemitismus aus Sicht der jüdischen Community“

/// 56 Seiten, Kassel 2017 /// Sara Nussbaum Zentrum /// Inhalt u.a.: Dokumentation antisemitischer Demonstrationen in Hessen im Jahr 2014, Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Rassismus und Antisemitismus, israelbezogenen Antisemitismus erkennen

„Man wird ja wohl Israel noch kritisieren dürfen…?
Eine pädagogische Handreichung zum Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus
/// 66 Seiten, Berlin 2018 /// Amadeu Antonio Stiftung ///
Inhalt u.a.: Israelbezogener Antisemitismus, Unterscheidung von Kritik und Antisemitismus, pädagogische Tipps für den Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus
/// auch online erhältlich: www.amadeu-antonio-stiftung.de/…/paedagogischer-umgang-mit-…

„Juden und Radfahrer beherrschen die Welt. Wieso Radfahrer?“ – Plakat und Broschüre gegen Antisemitismus
/// auf A4 gefalztes A1-Plakat, 16-seitige Broschüre /// Aktion 3.Welt Saar /// auch online erhältlich: a3wsaar.de/aktion/2016-mai-poster-antisemitismus/

„Die antisemitische Boykottkampagne gegen Israel –
Inhalte, Ziele, Gegenstrategien“

/// 28 Seiten, Berlin 2018 /// AJC Berlin /// Inhalt u.a.: Was ist BDS? BDS und antisemitische Vorfälle, BDS und die Kirchen
/// auch online erhältlich: ajcberlin.org/…/def…/files/downloads/ajcbdsbroschure2018.pdf

Materialsammlung „Antisemitismus heute“ für Pädagoginnen und Pädagogen
/// kompakte Sammlung von Material aus verschiedenen Quellen, Kassel 2018 /// Sara Nussbaum Zentrum /// Inhalte: 1. Was ist Antisemitismus 2. Wahrnehmungen von Betroffenen 3. Kritik oder Antisemitismus 4. Teil der Lösung sein 5. Empfohlene Methoden für Unterricht und Projektarbeit
/// kann gegen 10 Euro Versandpauschale pro Exemplar bei uns bestellt werden oder kostenlos bei uns abgeholt werden (wegen der hohen Produktionskosten maximal ein Exemplar pro Person)

Kontakt: Telefon 0561-93728281
assistenz@sara-nussbaum-zentrum.de