„Nicht nur Diskriminierung, sondern konkrete Gefahr!“

Statement zu T-Shirts mit dem „gelben Stern“ auf Demonstrationen in der Corona-Krise

In der Ausstellung des Sara Nussbaum Zentrums sind historische Abbildungen des gelben Sterns zu sehen. (Bild: ep/SNZ)

Auf „Corona-Demos“ und „Hygiene-Spaziergängen“ stilisieren sich Teilnehmer derzeit als Opfer einer vermeintlichen Diktatur. Unter diejenigen, die berechtige Sorgen vortragen und ihr Recht auf Meinungsfreiheit wahrnehmen, mischen sich nach Medienberichten immer häufiger auch Menschen mit rechter oder rechtsextremer Gesinnung. Wie jetzt auf Twitter gemeldet wurde und in den Medien zu lesen ist, wurde bei einer Veranstaltung im Mai in Kassel ein gelber Stern, auf dem vermutlich das Wort „ungeimpft“ zu lesen war, öffentlich auf einem T-Shirt gezeigt.

Offensichtlich wollen die Träger eines solchen Symbols zum Ausdruck bringen, von einem herrschenden System gebrandmarkt, vielleicht sogar politisch verfolgt zu werden. Der so genannte „Judenstern“ war das bekannteste Zeichen zur Zeit des Nationalsozialismus, um Jüdinnen und Juden äußerlich zu kennzeichnen, zu diskriminieren und zu verfolgen. Das führte letztlich zur Ermordung von über 6 Millionen Menschen in Europa.

Mehr als ein Symbol

Die jüdische Gemeinde reagierte entsetzt auf die aktuellen Berichte. „In jeder Familie unserer Gemeinde musste der gelbe Stern von Familienmitgliedern getragen werden“, sagt Ilana Katz, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kassel. Sie erinnert als Beispiele an Verwandte, die im jüdischen Ghetto in Riga zum Tragen des Sterns gezwungen, verfolgt und schließlich ermordet wurden, sowie an Angehörige, die in einem KZ in der heutigen Ukraine ebenfalls den Stern tragen mussten und schließlich dort umkamen. Beispiele wie diese gebe es unzählige.

„Der mit dem gelben Stern verbundene Schrecken sitzt sehr, sehr tief im Hinterkopf“, versucht Ilana Katz das Gefühl zu beschreiben. Auch wenn viele der heutigen Jüdinnen und Juden späteren Generationen angehörten, erzeuge es allein große Ängste, ihn zu sehen. „Der gelbe Stern steht nicht nur für Diskriminierung, sondern für sehr konkrete Lebensgefahr“.

Die jüdische Gemeinde ist tief getroffen

Die jetzige Verwendung durch Demonstranten empfindet Ilana Katz als billige Manipulation und eine Art von „Entweihung“ eines negativen, schrecklichen Symbols. „Die gesamte jüdische Gemeinde ist tief getroffen wegen dieser Ausnutzung der historisch höchst beladenen Symbolik.“ Dass so etwas gerade in Deutschland passiere, wo man im Bildungssystem ständig und ausgiebig über den Nationalsozialismus, seine Methoden und die grausamen Folgen lerne, mache viele in der jüdischen Community wütend und fassungslos.

Eigenes Handeln überdenken, sich mit Geschichte auseinandersetzen

Wer das Tragen eines solchen T-Shirts erwäge, von dem fordert Ilana Katz ein genaues Abwägen und Reflektieren des eigenen Handelns – insbesondere eine Auseinandersetzung mit der konkreten Geschichte des gelben Sterns und seiner Trägerinnen und Träger und ihrer Familien. Persönliche Gespräche mit Betroffenen und Fachleuten, seriöse Literatur und Internetquellen böten ausreichend Gelegenheit, sich zu informieren. „Es geht nicht darum, freie Meinungsäußerung zu verbieten“, betont sie. „Es geht darum, die eigenen Positionen nicht auf dem Rücken von Opfern auszutragen.“

(Titelbild: ep/SNZ)

Solidarität zum Jahrestag der Staatsgründung Israels

In der Nacht des 14. Mai 1948 rief der spätere Ministerpräsident David Ben-Gurion die israelische Staatsgründung aus. Israel als Staat ist also nun 72 Jahre alt.

Für Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt ist diese Gründung ein besonderes Datum in der Weltgeschichte. Denn Israel gilt für viele als (zweite) Heimat, als Rückzugs- und Zufluchtsort. Gerade in einer Zeit des international und auch bei uns in Deutschland immer präsenter werdenden Antisemitismus ist diese Gewissheit etwas sehr Wichtiges.

Als Zeichen der Freundschaft zu Israel seitens der Stadt Kassel wird heute die blau-weiße Flagge mit Davidstern vor dem Rathaus wehen.

„Wir alle sind betroffen“

Statement zur Anklage gegen den mutmaßlichen Mörder des Regierungspräsidenten Walter Lübcke

Am 2. Juni 2019 wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke in seinem Wohnhaus in Wolfhagen-Istha aus nächster Nähe erschossen. Wie am Mittwoch bekannt wurde, ist nun Anklage gegen den mutmaßlichen Täter, den Kasseler Stephan E., und seinen Unterstützer Markus H. erhoben worden. Ausschlaggebend für die Tat war demnach die Grundhaltung von Stephan E., die als völkisch-nationalistisch, von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit getragen angesehen wird. Der Fall weist auch Besorgnis erregende Verbindungen zur jüdischen Gemeinde in Kassel auf.

Foto: Viktor Zvarun

Offenbar hatte E. „schon vor dem Mord an dem CDU-Politiker mit dem Gedanken [gespielt], Anschläge [zu] verüben. So habe er eine Synagoge in Kassel ausgespäht und Dutzende Dossiers über vermeintliche Feinde angelegt“. Das steht in einem ausführlichen Artikel, den das Magazin Der Spiegel vor Kurzem veröffentlicht hat. Die Hinweise darauf, schreiben die Journalisten, seien auf einem versteckten USB-Stick gespeichert. Die Dateiordner hätten Namen wie „Juden Kassel“ oder „Daten Synagoge“. Nicht nur der „Betrieb“ an der Kasseler Synagoge sei in der Datei festgehalten worden, sondern auch der Besuch von Jugendlichen in dem G‘tteshaus.

Beobachtet zu werden wird zur Gewissheit

Die unmittelbar von diesen Nachrichten Betroffenen, die Mitglieder der jüdischen Gemeinde, sind davon überaus beunruhigt. Denn die Berichte lassen eine immer bestehende, diffuse Ahnung zur Wirklichkeit werden. Das Gefühl, beobachtet zu werden, ist für viele zu einer Gewissheit geworden. Es verursacht bei den Betroffenen ein Höchstmaß an negativen Emotionen.

Denn es geht nicht allein um die Information, dass die Gemeinde ausgespäht wurde. Gerade Jugendliche jüdischen Glaubens, für die sowohl Gemeinde als auch Gesellschaft eine besondere Verantwortung haben und die besonders schützenswert sind, befanden sich laut Spiegel im Blickfeld des mutmaßlichen Mörders. Das macht uns fassungslos. Ohnehin ist es schwierig, junge Menschen dazu zu motivieren, sich zu engagieren. Doch nun sind neue Ängste und Vorurteile entstanden, von denen wir befürchten, dass sie unser Zusammenleben langfristig bedrohen.

Eine Masse an Menschen ist betroffen

„Nicht nur Menschen, die auf der Liste standen, sind beunruhigt“, betont Ilana Katz, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde. „Es betrifft viele weitere Menschen. Dazu zählen alle unsere Angehörigen, Freunde, Mitarbeiter, Nachbarn, Kooperationspartner und viele mehr.“ Von dem Terror, dessen Wurzeln hier gesät worden sind, ist also nichts weniger als eine Masse an Menschen betroffen, so Katz. Dieses oft im Verborgenen bleibende Leid geht aus unserer Sicht auf das Konto derjenigen, die letztlich so skrupellos sind, dass sie Mordpläne in die Tat umsetzen.

Unser Mitgefühl gilt allen, die wie wir von den jetzigen Vorfällen direkt oder indirekt betroffen sind. Letztlich sind es aber wir alle, die von diesen üblen Vorgängen seit Langem betroffen sind. Rechtsextremismus ist wahrlich kein neues Phänomen. Seine Gefahr zeigt sich schon seit Langem nicht nur irgendwo auf der Welt, sondern ganz konkret hier bei uns in der Region. Noch vor dem Anschlag auf Walter Lübcke gab es andere schreckliche Ereignisse bei uns in Kassel, die mit Rechtsextremismus in Verbindung stehen. In jüngerer Zeit ist es vor allem der Mord an Halit Yozgat am 6. April 2006.

Kein Einzeltäter

Doch natürlich geht die Chronik rassistischen und fremdenfeindlichen Gedankenguts weit in die Geschichte zurück. Dessen sollte man sich bewusst sein, wenn irgendwo betont wird, es handle sich mutmaßlich um einen Einzeltäter. Nein. Nach unseren Erkenntnissen ist uns bewusst: Die rechte Szene ist gut vernetzt.

Im Interesse der Angehörigen des Opfers und aller Beteiligten ist es nun nötig, dass der Fall lückenlos und professionell aufgeklärt wird. Diejenigen, die für die Taten verantwortlich sind, müssen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln des Rechtsstaats zur Rechenschaft gezogen und entsprechend verurteilt werden.

Zusammenhalt ist wichtig

Die Aufgabe für uns als Zivilgesellschaft sollte es sein, zusammenzustehen und sich offen und mutig gegen Antisemitismus, Menschenhass, Terror und Gewalt auszusprechen. Denn der aktuelle Fall zeigt: Ganz gleich ob Christen, Juden, Muslime, Konfessionslose oder andere – von den Auswirkungen von Gewalt und Terror sind wir alle betroffen. Solidarisch zu sein, zusammenzuwirken und aufeinander Acht zu geben, scheint uns darum mehr denn je das dringende Gebot der Stunde.

„Eli, Eli“ zum Gedenktag Jom HaSchoa

Jom HaSchoa ist die Kurzform des Namens eines wichtigen israelischen Nationalfeiertags. Nach gregorianischem Kalender fällt er in diesem Jahr auf den 21. April, wobei er nach jüdischer Tradition bereits mit dem Sonnenuntergang des Vortages begonnen hat. Sein voller Name lautet „Tag des Gedenkens an Holocaust und Heldentum“.

Menschen auf der ganzen Welt gedenken an diesem Tag der rund sechs Millionen Opfer ihres Glaubens, welche der Holocaust gefordert hat. Symbolische Handlungen, die mit diesem Tag verbunden werden, sind sowohl leise als auch laut. So werden lodernde Fackeln entzündet, aber auch die Sirenen heulen während einiger Gedenkminuten am Morgen in ganz Israel. Gleichzeitig steht der Verkehr dort still – das öffentliche Leben hält ein. Dies sind nur einige Beispiele für viele Gedenkhandlungen und -aktionen auf der ganzen Welt.

Erinnerung an Hannah Szenes

HaSchoa ist dazu auch ein Tag, an welchem dem jüdischen Widerstand gedacht wird. Eine Widerstandskämpferin mit großem Mut und tragischem Schicksal war die ungarische Jüdin Hannah Szenes. Sie wurde 1921 in Budapest geboren und war die Tochter eines Journalisten. Schon früh entwickelte sie großes Interesse an Literatur und Poesie; sie soll eine ausgezeichnete Schülerin gewesen sein und durfte eine Eliteschule besuchen.

Als junge Frau entwickelte Hannah Szenes dann starke politische Ambitionen. Mit dem Willen zum Widerstand meldete sie sich im Jahr 1943 bei der britischen Armee und wurde zur Kämpferin ausgebildet. In einer spektakulären Aktion sprang sie mit rund dreißig anderen Personen im März 1944 mit einem Fallschirm hinter den feindlichen Linien in Jugoslawien ab. Die Mission lautete, Piloten der Alliierten zu befreien und dann aus dem Untergrund heraus jüdischen Menschen zu helfen.

Nachdem sie die ungarische Grenze überquert hatte, wurde Hannah Szenes verhaftet, in Budapest verhört und sowohl körperlich als auch psychisch brutal gefoltert. Schließlich verurteilte man sie zum Tode. Am 7. November 1744 wurde sie in ihrer Geburtsstadt Budapest erschossen. Ihre Gebeine wurden Jahre später nach Israel überführt.

Eli, Eli

Das Gedicht „Ein Spaziergang nach Caesarea“, das wir zum diesjährigen Gedenktag HaSchoa ausgewählt haben, gehört zu den bekanntesten Werken der Lyrikerin Hannah Szenes. Sie hat es 1942 geschrieben, und bereits 1945 wurde es vom israelischen Komponisten David Zehavi (1910-1977) vertont. Als „Eli, Eli“ („Mein Gott, mein Gott“, die erste Zeile des Gedichts) ist es sehr berühmt geworden, ja es gilt manchen sogar als inoffizielle israelische Hymne.

Der hebräische Originaltext lautet in deutscher Übersetzung:

Mein Gott, mein Gott,
lass niemals enden:
den Sand und das Meer,
das Rauschen des Wassers,
die Blitze des Himmels
und das Gebet des Menschen.

Mitglieder des Cantamus Jugendchors haben das Lied im Februar 2019 als Teil einer selbst-entwickelten literarisch-musikalischen Komposition über das Ghetto Theresienstadt zum Klingen gebracht. Ort dieser Aufführung war die CROSS Jugendkulturkirche in Kassel. Die Leitung hatten Maria Radzikhovskiy und Elena Padva.

„Es ist einerseits ein sehr ruhiges Lied, in dem es nicht um Kampf oder Krieg geht, sondern um die Wertschätzung der Welt“, so Elena Padva. „Andererseits schwingt in der melancholischen Melodie immer auch das tragische Schicksal der Autorin mit.“

„An Pessach betrachten wir die geistige Seite des Lebens“

Am 8. April beginnt Pessach, eines der wichtigsten jüdischen Feste. Jüdinnen und Juden erinnern an die Befreiung aus der Sklaverei, mit dem Auszug aus Ägypten frei geworden zu sein. Wir haben mit dem Rabbiner der jüdischen Gemeinde Kassel, Shaul Nekrich, über die Bedeutung des Fests gerade in Krisenzeiten wie diesen gesprochen.

Schmuckstück für das Fest: Ein besonders aufwändig verzierter Sederteller. (Bild: privat)

Warum ist Pessach so wichtig für die jüdische Community?

Der Auszug aus Ägypten ist tief verwurzelt im jüdischen Glauben und unserer Kultur. Alle jüdischen Feiertage, die in der Tora erwähnt werden, sind damit eng verbunden. Nicht nur an diesen Tagen, sondern jeden Tag beim Gebet „Shma Israel“ („Höre Israel“) wird ein Bezug auf den Auszug aus dem Ägypten genommen. Als mehrtägiges Fest hat Pessach aber eine besondere Bedeutung.

Mit dem Auszug aus Ägypten ist das jüdische Volk frei geworden. Geht es ausschließlich um diese physische Befreiung?

Nicht allein – besonders auch die innere, geistige Freiheit ist damit gemeint. Pessach lehrt uns: Jeder Mensch trägt die Fähigkeit, sich von allem Materiellen zu distanzieren und die geistige Seite des Lebens zu betrachten.

Wie kann das gelingen? Etwa, indem man bestimmte Dinge unterlässt, etwa bestimmtes Essen oder bestimmte Lieder?

Es geht nicht darum, was man an diesem Feiertag unternimmt oder eben sein lässt. Es geht um die geistige Komponente. Um das zu verstehen, muss man diese innere Freiheit in sich selbst finden. Jede Handlung, die man an diesen Tag unternimmt, hat eine geistige Wurzel und ist der Schlüssel zu diesem Feiertag. So ähnlich wie die Gebete. So findet man den Sinn der alltäglichen Existenz in sich.

Am ersten Abend des Fests, dem Sederabend, wird im Kreis der Familie und Freunde die Pessah-Hagada, die Geschichte des Auszugs erzählt. Durch die derzeitige Pandemie müssen wir aber eher voneinander Abstand nehmen. Wie sollte man mit diesem Widerspruch umgehen?

Seder Pessach ist ein Familienfest. Es zusammen mit der ganzen Community zu feiern, ist eher ein Brauch in Deutschland. In Israel dagegen feiert man es nur im engen Familienkreis, wobei man auch Großeltern einlädt. Das wird in diesem Jahr schwierig sein. Man wird darauf verzichten können.

Steht die Vorschrift, sich nicht zu versammeln, über dem religiösen Brauch?

Sich um die eigene Gesundheit und die Gesundheit der anderen zu kümmern, steht über dem Erfüllen von Traditionen. Ich sehe es so: Pessach gibt uns in diesem Jahr eine große Chance, die eben beschriebene geistige Freiheit zu finden. Gerade in dieser Ausnahmesituation, in der wir physisch und sozial so eingeschränkt sind, erhalten wir die Möglichkeit, mehr über die geistige Freiheit nachzudenken. Das sollten wir tun.

Vielen Dank für das Gespräch!

Pessach 2020: Wie wird das Fest in diesem Jahr gefeiert?

Ab dieser Woche feiern Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt das Pessach-Fest. Doch wie funktioniert das eigentlich in dieser besonderen Zeit? Gabi Katz hat sich für uns in der jungen Community umgehört.

Jüdisches Leben in Zeiten von Corona

Die Corona-Krise belastet das Leben vieler Menschen weltweit. Trotzdem hört das Kulturleben nicht auf. Wir haben auf dieser Seite drei aktuelle Kulturtipps mit Bezug zum jüdischen Leben für Sie zusammengestellt.

1. „Fühlen Sie Ihre Verbindung zu anderen“ – Natan Scharanski gibt 5 Tipps für die Zeit in Quarantäne

Natan Scharanski, Israelischer Politiker, Autor und langjähriger Leiter der Jewish Agency, gibt in einem unterhaltsamen Video fünf Tipps für die Zeit in Isolation. Der heute 72-Jährige weiß aus eigener Erfahrung, wie man mit bedrückenden Situationen umgeht. Seit seiner Verhaftung durch sowjetische Behörden im Jahr 1977 verbrachte er neun Jahre in einem Gulag, die Hälfte dieser Zeit in Einzelhaft. Nach seiner Befreiung ging er nach Israel, wurde zum einflussreichen gesellschaftlichen Akteur.

Eine seiner charmant vorgetragenen Botschaften lautet: „Führen Sie Ihre Verbindung zu anderen und erinnern Sie sich daran: Sie sind nicht allein. Wir Juden waren für Tausende von Jahren über die ganze Welt verstreut, aber immer hatten wir diesen Gefühl, ein Teil eines großen, großartigen Volks zu sein.“

2. „Mozart for Quarantine“ mit dem Jerusalem Street Orchestra

Viele Musikerinnen und Musiker sind von den Auswirkungen der Pandemie derzeit direkt betroffen – durch geschlossene Konzerthäuser, abgesagte Proben und fehlende Unterrichtsmöglichkeiten. Das junge Jerusalem Street Orchestra, das sich aus Absolventen der Jerusalem Music Academy zusammensetzt, hat sich auf digitalem Weg zusammengetan. Per Videokonferenz ist eine beeindruckende Version einer berühmten Komposition entstanden: der „Kleinen Nachtmusik“ von Wolfgang Amadeus Mozart.

Die Musikerinnen und Musiker sind auf einem bis zu 16-fach geteilten Bildschirm zu bewundern. Als Zuschauer kommt man ihnen dabei so nah, wie es wohl in kaum einem Konzert möglich ist.

Eine geschickte Nachbearbeitung sorgt dafür, dass man das musikalische Meisterwerk trotz Einbußen der Tonqualität sehr gut genießen kann. Schon jetzt hat das Video über 6800 Klicks in den sozialen Medien. Offenbar ein großartiger Mutmacher …

3. Hannah Arendt wird in Online-Hörcollagen lebendig

Totalitarismus, Antisemitismus, die Lage von Flüchtlingen, der Eichmann-Prozess, der Zionismus, das politische System und die Rassentrennung in den USA, Studentenproteste und Feminismus. Zu all diesen Themen bezog die Philosophin Hannah Arendt Stellung. Ihre Urteile und Meinungen sind noch heute voller Sprengkraft.

Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums zu Arendts Leben und Werk – „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“, in dem sich immer auch die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts spiegelt, konnte wegen der aktuellen Krise nicht eröffnet werden.

Das Berliner Museum hat sich daher entschlossen, die Ausstellung in Teilen online zugänglich zu machen. Eine Bildergalerie gibt Einblicke in die Räumlichkeiten, besonders spannend aber ist die Sammlung von Hörcollagen, die in Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunksender rbbKultur entstanden sind. Zugegeben: Das Angebot setzt etwas Vorwissen und Konzentration voraus. Doch allein die mutige Philosophin wortstark und unerlässlich rauchend im Hörspiel zu erleben, lohnt den Besuch der Online-Ausstellung.

Hier geht es zum Angebot: Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert – Follow online

„Lachen und Weinen gehen immer zusammen!“

Interview mit Ilana Katz, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise auf das jüdische Leben in Kassel

Ilana, du bist die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Kassel. Wie betroffen ist die Gemeinde jetzt, Ende März, von der Corona-Virus-Pandemie?

Unsere Gemeinde ist sehr betroffen, vor allem wegen des meist hohen Alters unserer Mitglieder. Etwa Dreiviertel unter ihnen sind älter als 65 Jahre. Sie zählen also zu einer besonders gefährdeten Gruppe.

Ilana Katz ist die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Kassel.

Wie eingeschränkt ist das jüdische Leben derzeit?

Das Purimfest ist ausgefallen, und nun wird auch Pessach ausfallen. Die Sabbat-Gottesdienste finden nicht statt, die Tora wird nicht gelesen. Unser Rabbiner befindet sich in Quarantäne in Israel. Es betrifft auch den entfallenden Religionsunterricht an den Schulen, die Schi’urim, die fehlenden Lehrstunden für Erwachsene usw. Eigentlich alle Aktivitäten, die in einer Gemeinde sonst für Leben sorgen.

Wie tauschen sich die Gemeindemitglieder trotzdem aus?

Das geht vor allem per Telefon und Handy. Außerdem ist in der Synagoge an jedem Werktag jemand präsent. Jeder kann also in der Synagoge anrufen und es wird versucht, zu helfen. Wir möchten dadurch die Kommunikation unterstützen, so gut es geht.

Das Sara Nussbaum Zentrum steht für die Vermittlung von jüdischem Leben und jüdischer Kultur. Wie wichtig ist Kultur jetzt?

Egal in welcher Zeit, Kultur ist immer sehr wichtig! (lacht) Wir teilen unsere Geschichten und Erinnerungen. Auch moderne Medien werden immer häufiger genutzt. Zum Beispiel versenden unsere Rabbiner kurze Statements per Handy. Diese Nachrichten verbreiten sich gut. Sie werden mir teilweise sogar von meinen christlichen Bekannten weitergeleitet. Das ist toll.

Und wie ist es mit denjenigen, die kein Smartphone benutzen?

Kraft gibt uns auch immer wieder die Musik, unsere Lieder und Melodien. Viele Lieder, gerade die jüdischen, kommen aus Israel und sind Gebete. Und auch Witze gehören stark zur jüdischen Kultur. In unserer Tradition gehen Lachen und Weinen bekanntlich immer zusammen.

Wie geht die Arbeit für die jüdische Kultur weiter?

Sehr wichtig ist, dass wir in der Kulturszene weiterhin arbeiten, auch von zuhause aus. Wir bringen unzählige Ideen zu neuen Projekten ein. Dabei sind ganz viele Menschen miteinander verbunden. Wir tauschen uns über Skizzen und Entwürfe aus und arbeiten gemeinsam daran, dass es weiter geht.

Du bist selbst als Unternehmerin im Pflege-Sektor tätig. Was bedeutet die Krise für deinen Betrieb?

Es gibt vielfältige Probleme. In der Regel haben wir genug Handschuhe, Desinfektionsmittel, Mundschutze, Einwegkleidung usw. für ein halbes Jahr auf Vorrat. Auch wenn wir gut vorbereitet sind, befinden wir uns im Moment aber doch spürbar an der Grenze. Leider passieren auch immer wieder schreckliche Vorfälle. Besonders, dass wichtige Ausrüstung wie Desinfektionsmittel gestohlen wird, ist für mich eine inakzeptable Straftat.

Welche Gedanken bewegen dich als Unternehmerin?

Ich hoffe, wir verlieren keine Menschen und überstehen die Pandemie. Ich mache mir Sorgen um alle meine Bekannte, Freunde und meine Mitarbeiter. Dieser große Kreis ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Und ich hoffe, alle überstehen dieses Virus – nicht nur physisch, sondern auch psychisch.

Viele, auch Angehörige von Älteren, haben Sorgen und Unsicherheiten. Was sagst du ihnen?

Wir haben unseren Betrieb so organisiert, dass wir Patienten zuhause betreuen. Wir achten auf Schutz und Desinfektion. Ich kann natürlich gar nichts versprechen, aber alle geben sich die größte Mühe und arbeiten sehr professionell: Wir kaufen ein, wir bringen Essen und liefern es an die Tür. Spaziergänge werden zu zweit und an der frischen Luft gemacht. Für Menschen, die nicht allein zuhause sein können und dürfen, haben wir Notgruppen organisiert. So achten wir auch auf diese Personen.

Trotz der aktuellen Probleme geht man davon aus, dass die Situation bald vorübergeht. Welche Erlebnisse, welche Gedanken machen dir im Moment am meisten Hoffnung?

Mein Geburtstag! (Lacht.) Auch wenn er in diesem Jahr wohl in ganz kleinem Kreis gefeiert wird. Ich bin so begeistert von der Arbeit des Sara Nussbaum Zentrums, von den neuen Projekten, die wir bald beginnen. Ich genieße schon jetzt diese kreative Phase und ich weiß, das wird großartig.

Vielen Dank für das Gespräch!

Sara Nussbaum Zentrum ist temporär geschlossen

Wegen der Corona-Pandemie und den damit verbundenen offiziellen Verfügungen ist auch das Sara Nussbaum Zentrum derzeit bis auf Weiteres geschlossen. Das Ziel ist es, eine schnelle Ausbreitung des Virus zu verhindern. Wir bitten um Verständnis.

Weiterhin arbeiten wir daran, in Zukunft spannende und informative Einblicke in jüdisches Leben, Geschichte und Kultur präsentieren und vermitteln zu können. Über unsere Aktivitäten halten wir Sie auf unserer Website, per Facebook sowie in unserem Newsletter auf dem Laufenden. Bleiben Sie gesund!

Vorsicht vor Verschwörungstheorien

In Krisenzeiten haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. Auch rund um die Coronavirus-Pandemie werden derzeit Unwahrheiten und abstruse Theorien verbreitet. Leider sind dabei antisemitische und rassistische Vorurteile niemals weit.

Wir rufen dazu auf, Informationen genau zu überprüfen, allgemein anerkannte Quellen zu nutzen und nicht auf vermeintliche „alternative Fakten“ hereinzufallen.

6. Trialogtag in Kassel: Für ein Miteinander ohne Misstrauen

Kulturelle Vielfalt in der Schule und in der Jugendarbeit sind wichtig. Sie zu stärken, ist das Ziel des Kasseler Trialogtags. Am 12. März 2020 luden verschiedene Kasseler Institutionen erneut zum interreligiösen und interkulturellen Dialog, zu Austausch und Information ein. Veranstaltungsort für Impulsvorträge, Workshops, Musikbeiträge und Diskussionen war in diesem Jahr die Synagoge der jüdischen Gemeinde.

Das Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben beteiligte sich mit mehreren Angeboten an der Veranstaltung. Leiterin Elena Padva brachte gemeinsam mit ihrem Duopartner Attila Günaydin den Besuchern Musik aus christlichen, jüdischen und muslimischen Traditionen nahe. Um Musik ging es auch in einem der angebotenen Workshops: Gemeinsam mit Maria Radzikovskiy vom Staatstheater Kassel ging Padva der Frage nach, wie mit Kunst und Musik in der Schule Zugänge zum Thema Holocaust geschaffen werden können.

„Kunstwerke und Musik können unfassbar stark von tiefen Emotionen wie Schmerz, Trauer, aber auch Zuversicht und Hoffnung erzählen. Die universelle Sprache der Kunst hilft uns nicht nur, die Erinnerung an Geschehenes weiterzutragen, sondern auch Brücken zwischen Kulturen zu bauen und den Horizont für das zu öffnen, was uns alle verbindet.“

Elena Padva, Leiterin des Sara Nussbaum Zentrums

Besonders freute sich Padva über die Zusammenarbeit mit den weiteren Partnern der Veranstaltung: der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, dem Sufi-Zentrum Kassel-Wolfhagen, der Evangelischen Jugend Kassel, der Erich-Kästner-Schule Baunatal und der katholische Gemeinde. Unterstützt wurde der Trialogtag zudem vom Evangelischen Forum und der Evangelischen Bank.

Der Kasseler Trialogtag richtet sich an Lehrerinnen und Lehrer aller Schulformen, Studierende sowie Hauptberufliche in der Kinder- und Jugendarbeit, die den Trialog der drei großen Weltreligionen und Kulturen in ihren Einrichtungen fördern möchten. In diesem Jahr fand er bereits zum sechsten Mal statt.