Jüdische Menschen auf Neonazi-Liste: ISAK kündigt an, für Gemeindemitglieder da zu sein

Unter dem Titel „Weitere potentielle Opfer“ hat die hessenschau heute Abend berichtet, dass auf einer von Ermittlern aufgefundenen, bereits über zehn Jahre alten Liste des mutmaßlichen Mörders von Regierungspräsident Walter Lübcke auch die Jüdische Gemeinde Kassel sowie ein Gemeindemitglied stehen.

Wir können nun bestätigen, dass die jüdische Community in Kassel von dieser Auflistung betroffen ist. „Unsere Kraft wird in den kommenden Wochen verstärkt darauf ausgerichtet sein, für die Mitglieder der Gemeinde ansprechbar zu sein und sie zu unterstützen“, sagte der Leiter der Informationsstelle Antisemitismus Kassel (ISAK), Martin Sehmisch, am Freitag in Kassel.

Eine nach dem Anschlag in Halle geplante nichtöffentliche Veranstaltung unter dem Titel „Rechtsextremismus und Antisemitismus – Expert*innen stehen Rede und Antwort“ wird Mitgliedern Jüdischer Gemeinden am 5. Dezember in Kassel die Möglichkeit geben, Fragen, Sorgen und Standpunkte zu teilen (siehe: www.sara-nussbaum-zentrum.de/fragen/). Betroffene können sich zudem in deutscher, russischer und englischer Sprache per E-Mail (isak@sara-nussbaum-zentrum.de) sowie telefonisch (0561-93728281) an ISAK wenden.

Audio: Antisemitismus und das Vertrauen in die Polizei

Unsere Reihe „Wir haben Fragen“ ist am 27. November im Sendesaal des Freien Radios in die zweite Runde gegangen. Moderator Martin Sehmisch sprach mit Prof. Rafael Behr, Frank Schweitzer und Benjamin Steinitz über „Antisemitismus und das Vertrauen in die Polizei„. Dabei wurde klar, dass die zivilgesellschaftliche Tätigkeit im Rahmen der Meldestellen für antisemitische Vorfälle eine wichtige Quelle für konstruktive Veränderungsprozesse in der Polizeiarbeit sein kann. Wie schon in der vergangenen Wochen nutzte ein engagiertes Publikum die zweite Stunde, um nachzufragen und Statements abzugeben.

Die Aufzeichnung der ersten Stunde, die live im Freien Radio gesendet wurde, können Sie hier nachhören:

Zeitzeugengespräch mit Heinz Ehrenberg

Am Sonntag, den 24. November 2019 durfte das Sara Nussbaum Zentrum den 1917 geborenen Heinz Ehrenberg, Adoptivsohn der jüdischen Familie Paul und Cläre Ehrenberg, empfangen. Er zählt zu den wichtigsten Zeitzeugen für jüdisches Leben zu Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts.

Die Familien Rosenzweig, Baumann, Goldner, Mosbacher, Sichel und Gotthelft gehörten zum engen Freundeskreis der Familie Ehrenberg und prägten das humanistische und liberale jüdische Leben in Kassel damaliger Zeit. Mit Prof. Winfried Jakob verbindet Heinz Ehrenberg eine über 80-jährige Freundschaft. In einem Gespräch haben beide aus ihrem bewegten Leben erzählt. Für die Besucher*innen bot sich hiermit eine seltene Gelegenheit, Einblicke in jüdische Lokalgeschichte zu erhalten und selbst Fragen zu stellen.

Wir danken Heinz Ehrenberg und Winfried Jackob für eine gelungene und bewegende Veranstaltung bei uns im Sara Nussbaum Zentrum.

Wir haben Fragen: Veranstaltungsreihe zu Antisemitismus

Freiheit und Demokratie sind derzeit einem erheblichen Belastungstest ausgesetzt. Mit einer Veranstaltungsreihe beleuchtet das Sara Nussbaum Zentrum deshalb nun Fragen zur politischen und gesellschaftlichen Situation. „Wir möchten einige der Fragen, die sich angesichts der aktuellen Entwicklungen stellen, informativ und multiperspektivisch behandeln“, so Projektleiter Martin Sehmisch. Die Veranstaltungsreihe soll Menschen einbeziehen, ihre Fragen hörbar machen und sie mit Expert*innen ins Gespräch bringen.

Eine Broschüre zur Reihe finden Sie hier.

Audio: Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus heute

Das Projekt „Wir haben Fragen“ des Sara Nussbaum Zentrums behandelt Aspekte, die sich angesichts der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen stellen. Die Veranstaltung am 20. November im Sendesaal des Freien Radios Kassel stand unter der Überschrift „Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus heute“. Gesprächsteilnehmer waren die Sozialpädagogin Barbara Bahr, Ilana Katz (Geschäftsführerin Sara Nussbaum Zentrum) sowie Elena Padva (Sara Nussbaum Zentrum). Die Moderation hatte Projektleiter Martin Sehmisch.

Die Aufzeichnung der Live-Sendung steht hier zum Nachhören bereit:

Interview mit David Hirsh über linken Antisemitismus

Das Gespräch wurde am 1. November 2019 aufgezeichnet von Martin Sehmisch. / The interview has been recorded on November 1st 2019 in Kassel by Martin Sehmisch.

Hier das Interview zum Nachhören (in zwei Teilen):

Kundgebung: Redebeiträge zum Nachhören

Gemeinsam mit dem Jungen Forum der DIG Kassel haben wir am 13. November anlässlich der Aktions- und Bildungswochen gegen Antisemitismus eine Projektion antisemitischer Vorfälle gezeigt und eine Kundgebung abgehalten. Rund 70 Menschen informierten sich über Vorfälle in hessischen Städten, die wir im Rahmen der Tätigkeit der Informationsstelle Antisemitismus Kassel erhoben haben.

In Redebeiträgen legten Ilana Katz (Jüdische Gemeinde Kassel), Ann-Kathrin Mogge (Die Kopiloten), Martin Sehmisch (Sara Nussbaum Zentrum, ISAK) sowie Lia + Ruppert (Junges Forum der DIG) ihre Sichtweise auf die aktuelle Situation dar. Die Beiträge können hier nachgehört werden:

Martin Sehmisch (Sara Nussbaum Zentrum, Leiter der Informationsstelle Antisemitismus Kassel)

Lia + Rupert (Junges Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Kassel)

Ann-Kathrin Mogge (Die Kopiloten)

Ilana Katz (Jüdische Gemeinde Kassel)

Neue Ausstellung: „Wir hoffen, dass wir bald bei dir sind…“

Besichtigungstermine: Do 14.11. / 12.12. 16 – 19 Uhr; So 24.11. / 8.12. 14-17 Uhr

Dorrith Sim, 4 Jahre

„Wir hoffen, dass wir bald bei dir sind…“ Es ist ein Satz aus dem Kinderbuch „In Meiner Tasche” von Dorrith Sim,geb. Oppenheim, aus Kassel. Sie war eins von 10.000 jüdischen Kindern, die im Rahmen einer beispiellosen Rettungsaktion vor 80 Jahren in England aufgenommen wurden.
Die Ausstellung dokumentiert auf 20 Ausstellungstafeln die Rettung dieser Kinder. Für dieses Ausstellungsprojekt hatten sich Schüler von zehn Grundschulklassen aus Kassel, Hofgeismar und Trendelburg unter der Anleitung der Museums-pädagogen intensiv mit den Themen Ausgrenzung, Verfolgung, Trennung und Fluchtbeschäftigt und zehn lustige Kindergeschichten der Autorin Dorrith Sim illustriert.

Musikalische Umrahmung: Jugendchor „Cantamus“ (Staatstheaters Kassel), Leitung von Maria Radzikhovskiy

Kuratorinnen: Julia Drinnenberg, Gabriele Hafermaas (Stadtmuseum Hofgeismar).

Nach dem Anschlag in Halle: Was nun?

Jüdische Stimmen zu der Frage, was jetzt wichtig ist

Mirna Funk (zum Artikel): „Beschäftigt euch mit jenen, um die ihr so sehr trauert. Folgt jüdischen Medien und Accounts. Lest jüdische Literatur. Erarbeitet euch Wissen zur jüdischen Kultur und Geschichte. Hinterfragt, ob ihr antisemitische Vorurteile in euch tragt. Warum? Damit ihr beim nächsten Essen oder Meeting antisemitische Ressentiments dechiffrieren und ansprechen könnt. Damit ihr aktiv in den Kindergärten und Schulen eurer Kinder die Erarbeitung von Wissen und Empathie einfordert. Werdet zu starken BürgerInnen, anstatt die Verantwortung auf die Politik abzuwälzen. Wir brauchen keine Beileidsbekundungen, Trauer oder Bestürzung. Wir brauchen echtes Interesse, das zum Auflösen von Vorurteilen beiträgt, und Zivilcourage in jeder Lebenslage.“ zum Artikel

Richard C. Schneider (zum Artikel): „Das große Problem in Deutschland ist, dass ‚Auschwitz‘ zur Messlatte für Judenhass gemacht wurde. Alles, was ‚weniger schlimm‘ als Auschwitz ist, konnte jahrzehntelang sozusagen unten durchspazieren. Das ‚Wehret den Anfängen‘, das ‚Nie wieder!‘ ist längst zur Phrase geworden bei all den Gedenkveranstaltungen, die nur noch starres Staatsritual sind und nichts, aber auch gar nichts mit der gesellschaftlichen Realität zu tun haben. Die Gemeinplätze, die in solchen Reden von Politikern jeder Couleur abgelassen werden, stammen alle aus demselben Sprachbausteinkasten. Leeres Geschwätz. Denn es sind längst keine ‚Alarmzeichen‘ mehr, wie die Vorsitzende der CDU selbst noch nach dem Attentat von Halle meinte. Wir sind bereits ‚mittendrin‘.“ zum Artikel

Leo Schapiro (zum Artikel): „Um es klar zu sagen: ich kann diese leeren Floskeln nicht mehr hören! Deutschland 2019, das ist nicht nur der entsetzliche Angriff eines Neonazis auf eine Synagoge in Halle […] Dieses Land muss den Worten endlich Taten folgen lassen! Jeder Bürger dieses Landes hat daher die Pflicht, in der Familie, im Beruf oder im Sportsverein seine Stimme gegen antisemitische Äußerungen zu erheben. Wer schweigt, macht sich mitschuldig, dass alltäglicher Fremdenhass das Klima in der Gesellschaft vergiftet.“ zum Artikel


Antisemitischer Terror: Zeit für tiefgreifende Veränderungen

von Martin Sehmisch, Leiter der Informationsstelle Antisemitismus Kassel (ISAK)

Der Terroranschlag in Halle hat gezeigt, dass Antisemitismus für Jüdinnen und Juden nicht nur eine Belastung im Alltag ist, die mit zum Teil erheblichen Einschränkungen des Gefühls von persönlicher und kollektiver Freiheit und Sicherheit einhergeht. Der Anschlag hat gezeigt, dass Antisemitismus für sie auch eine potentiell tödliche Bedrohung ist.

Es ist festzustellen:

  • Symbolische Gesten können der Ausdruck aufrichtiger Betroffenheit sein. Wir brauchen jetzt aber vor allem eine echte Bereitschaft zu tiefgreifenden Veränderungen, die auch gegen Widerstände durchgesetzt werden. Dies betrifft viele Bereiche, etwa Sicherheitsbehörden, Zivilgesellschaft, Bildungseinrichtungen sowie Medien und Politik.
  • Die Erfahrungen, die Jüdinnen und Juden mit Antisemitismus machen, sind konkret und werden von nichtjüdischen Menschen selten gekannt und geteilt. Es gibt bei manchen Betroffenen ein Gefühl der Isolation durch Nichtverständnis. Die Empfindungen und Realitäten jüdischer Menschen zu begreifen – etwa das tief in die jüdische Gemeinschaft eingeschriebene Angstgedächtnis – ist eine Herausforderung. Wir hoffen, dass mehr Menschen sie annehmen, mit ganzem Herzen und ganzem Verstand.
  • Es muss Schluss sein mit der Normalisierung von Hass und Abwertung. Menschen und ihre Rechte sind grundsätzlich zu achten. Wir brauchen klare Grenzen für menschenfeindliche Aktionen und Akteure in allen Räumen, on- und offline. Wir brauchen mutige, engagierte Menschen, die diese Grenzen besonnen und nachhaltig durchsetzen. Auch, aber nicht nur für ihre jüdischen Freunde, Nachbarn und Kollegen.
  • Es muss Schluss sein damit, Antisemitismus immer nur beim politischen Gegner erkennen zu wollen. Wir brauchen Menschen, die in ihrer eigenen Umgebung Veränderungen durchsetzen und Antisemitismus kritisieren und ächten. Gegen jeden Antisemitismus vorzugehen heißt, jede Ausformung von Antisemitismus als Bedrohung jüdischer Menschen ernst zu nehmen.
  • Es muss Schluss sein mit der Akzeptanz der vermeintlich gesellschaftsfähigen Version des Antisemitismus, des Hasses auf Israel, der vorgibt, den jüdischen Staat zu meinen, der aber faktisch Jüdinnen und Juden in Deutschland trifft, sie ausgrenzt und stigmatisiert.

Menschen, Bürgerinnen und Bürger, Akteure in allen gesellschaftlichen Bereichen haben es jetzt in der Hand, durch ihren nachhaltigen Einsatz gegen jeden Antisemitismus dafür zu sorgen, dass es für Jüdinnen und Juden eine Zukunft in Deutschland gibt. Nicht weniger steht auf dem Spiel.

Worte haben wir genug gehört. Wir brauchen jetzt echte Veränderungen.

Kassel, den 11. Oktober 2019