Keine weiße Weste

Bei der Aufarbeitung der Documenta-Geschichte sollten auch Fragen zu Antisemitismus und Rassismus berücksichtigt werden

Das Fridericianum in Kassel. (Bild: H. Helmlechner, CC BY 2.5)

Die Gründungsriege der ersten Documenta im Jahr 1955 bestand zum großen Teil aus ehemaligen NSDAP-Mitgliedern. Das zeigen unter anderem aktuelle Forschungen der Kunsthistorikerin Mirl Redmann, deren Aufsatz „Das Flüstern der Fußnoten. Zu den NS-Biografien der documenta Gründer*innen“ gerade in der Reihe „documenta studien“ veröffentlicht wurde. Bis heute existiert der Mythos, die Gründung der bis heute bedeutendste Kunstausstellung in Kassel sei frei von Verbindungen zum Nazismus gewesen. Doch diese Erzählung wird nun, wissenschaftlich belegt, immer unglaubwürdiger.

Die Bilanz ist schockierend: Acht von insgesamt 21 Gründungsfiguren der ersten Documenta lassen sich, dem Artikel-Editorial von Nanne Buurman und Nora Sternfeld zufolge, inzwischen als NSDAP-Mitglieder identifizieren. Besonders konzentrieren sich Mirl Redmanns Untersuchungen auf den Kunsthistoriker Werner Haftmann, der von 1955-64 als wissenschaftlicher Berater der ersten Ausstellungen in Kassel wirkte. Haftmann und die übrigen Organisatoren bestimmten wesentlich die Ausrichtung der Kunstausstellung. Sie entschieden unter anderem über die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler und die gezeigten Werke.

Es ergeben sich unzählige Fragen

Die Untersuchungen und Veröffentlichungen haben seit Ende 2019 eine Diskussion in der Wissenschaft und in den deutschen Feuilletons ausgelöst (beispielsweise hier, hier und hier). Es ergeben sich unzählige Fragen. Interessant wäre es vor allem zu wissen, welchen konkreten Einfluss die frühere Mitgliedschaft in der nationalsozialistischen Partei auf die Arbeit der Kuratoren hatte: Wurden beispielsweise bewusst ideologisch motivierte Leerstellen gelassen? Förderte man jene, deren Gesinnung vor dem Hintergrund früherer Zeiten einwandfrei schien? Welche Künstlerinnen und Künstler blieben unberücksichtigt, allein aufgrund ihrer Herkunft, religiösen und weltlichen Orientierung oder politischen Gesinnung – oder weil sie Jüdinnen und Juden waren?

Antisemitismus und Rassismus sollten im Blick der documenta-Forschung sein

Die Geschichte der Documenta müsse neu bewertet werden, bestätigte die Generaldirektorin der Documenta, Sabine Schormann, vor Kurzem in den Medien. Zur Aufarbeitung verwies sie auf das noch einzurichtende Documenta-Institut in Kassel. Wie und wann man sich dort mit der Nazi-Vergangenheit der Gründer beschäftigt, bleibt also noch abzuwarten.

Doch die Gründungsgeschichte der Documenta wissenschaftlich korrekt auf den Grund zu gehen, ist vor dem Hintergrund ihrer weltweiten Bedeutung wichtig. Nicht zuletzt mögliche Tendenzen von Antisemitismus und Rassismus unter den Kuratoren und Organisatoren der frühen Documenta-Ausstellungen sollten hier im Blick der Forschung sein.

Für die ehrliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der Documenta, die immer sowohl bedeutende Kunstgeschichte als auch nordhessische Regionalgeschichte ist, wäre das ein mehr als wichtiger Baustein.

Sara Nussbaum Zentrum erstrahlte in rotem Licht

Zentrum für Jüdisches Leben beteiligt sich an der deutschlandweiten Aktion „Night of Light“

(Foto: ep/SNZ)

In der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 2020 wurden bundesweit in mehr als 250 Städten verschiedene Orte zu leuchtenden Mahnmalen. Auch das Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben beteiligte sich an der Aktion. Das Gebäude in der Kasseler Ludwig-Mond-Straße wurde ab dem späten Abend in leuchtend rote Farben getaucht.

Die deutschlandweite Aktion diente dazu, auf die Folgen der Auflagen im Zuge der Corona-Krise für Veranstalter in Deutschland aufmerksam zu machen. Ähnlich wie das Sara Nussbaum Zentrum beteiligten sich in Kassel sich zahlreiche weitere Einrichtungen aus der Kulturszene an dem flammenden Appell.

Das Sara Nussbaum Zentrum unterstützt die Aktion in dem Anliegen, für eine größere Aufmerksamkeit seitens Politik und Gesellschaft auf die Probleme der Veranstalter zu sorgen. „Besonders für kleinere Veranstaltungsorte und gemeinnützig organisierte Einrichtungen haben die Auflagen der Corona-Pandemie enorme Auswirkungen“, sagte Elena Padva, Leiterin des Sara Nussbaum Zentrums. Auch das Zentrum kann derzeit keinen regelmäßigen Publikumsverkehr ermöglichen.

„Anfragen zu unseren Inhalten, etwa unseren Ausstellungen und besonders unseren Vermittlungsangeboten zu jüdischem Leben und jüdischer Kultur, sind aber weiterhin möglich und werden von uns sehr gern bearbeitet“, betonte Padva.

Die Beteiligung an der Night of Light zeige zudem, dass die Arbeit im Kasseler Zentrum für Jüdisches Leben auch in Zeiten der Corona-Pandemie sehr aktiv weitergehe.

Für die Aktion dankt das Sara Nussbaum Zentrum herzlich Herwig Thol und Miki Lazar für die großartige Zusammenarbeit.

Weitere Infos zur Aktion „Night of Light“ 2020

Antisemitismus in der Schule: Ratschläge für Lehrkräfte

Antisemitismus ist ein andauerndes, alltägliches, schichten- und altersübergreifendes Phänomen. Auch vor den Türen von Klassenzimmern und Jugendeinrichtungen macht er leider nicht Halt. Schon junge Schülerinnen und Schüler jüdischen Glaubens müssen erleben, wie sich teils subtile, teils für alle sicht- und erlebbare Diskriminierung anfühlt. Schmerzvoll ist oft auch das Gefühl, von Autoritäten wie Lehrerinnen und Lehrern allein gelassen zu werden.

In der aktuellen Ausgabe der pädagogischen Fachzeitschrift Klasse leiten (Friedrich Verlag) widmet sich die Leiterin des Sara Nussbaum Zentrums Elena Padva diesem anspruchsvollen Thema. Ausgehend vom Fallbeispiels eines 15-jährigen Schülers, der in seiner Klasse mit antisemitischen Handlungen konfrontiert ist, schildert sie die Folgen, die Antisemitismus in der Schule hat.

„Es gibt keine Rezepte dafür, wie man gegen Antisemitismus vorgehen sollte“, so Elena Padva. Aus ihrer langjährigen Erfahrung in vielen Workshops mit Schulklassen und der Zusammenarbeit mit Lehrerinnen und Lehrern leitet sie dennoch wichtige Empfehlungen ab, die beim Umgang mit Antisemitismus im schulischen Alltag bedacht werden können.

Besonders empfehlen möchten wir auch eine aktuelle Publikation der im Artikel bereits erwähnten Forscherin Prof. Dr. Julia Bernstein: Antisemitismus an Schulen in Deutschland: Befunde – Analysen – Handlungsoptionen. Mit Online-Materialien. Beltz-Juventa 2020.

„Nicht nur Diskriminierung, sondern konkrete Gefahr!“

Statement zu T-Shirts mit dem „gelben Stern“ auf Demonstrationen in der Corona-Krise

In der Ausstellung des Sara Nussbaum Zentrums sind historische Abbildungen des gelben Sterns zu sehen. (Bild: ep/SNZ)

Auf „Corona-Demos“ und „Hygiene-Spaziergängen“ stilisieren sich Teilnehmer derzeit als Opfer einer vermeintlichen Diktatur. Unter diejenigen, die berechtige Sorgen vortragen und ihr Recht auf Meinungsfreiheit wahrnehmen, mischen sich nach Medienberichten immer häufiger auch Menschen mit rechter oder rechtsextremer Gesinnung. Wie jetzt auf Twitter gemeldet wurde und in den Medien zu lesen ist, wurde bei einer Veranstaltung im Mai in Kassel ein gelber Stern, auf dem vermutlich das Wort „ungeimpft“ zu lesen war, öffentlich auf einem T-Shirt gezeigt.

Offensichtlich wollen die Träger eines solchen Symbols zum Ausdruck bringen, von einem herrschenden System gebrandmarkt, vielleicht sogar politisch verfolgt zu werden. Der so genannte „Judenstern“ war das bekannteste Zeichen zur Zeit des Nationalsozialismus, um Jüdinnen und Juden äußerlich zu kennzeichnen, zu diskriminieren und zu verfolgen. Das führte letztlich zur Ermordung von über 6 Millionen Menschen in Europa.

Mehr als ein Symbol

Die jüdische Gemeinde reagierte entsetzt auf die aktuellen Berichte. „In jeder Familie unserer Gemeinde musste der gelbe Stern von Familienmitgliedern getragen werden“, sagt Ilana Katz, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kassel. Sie erinnert als Beispiele an Verwandte, die im jüdischen Ghetto in Riga zum Tragen des Sterns gezwungen, verfolgt und schließlich ermordet wurden, sowie an Angehörige, die in einem KZ in der heutigen Ukraine ebenfalls den Stern tragen mussten und schließlich dort umkamen. Beispiele wie diese gebe es unzählige.

„Der mit dem gelben Stern verbundene Schrecken sitzt sehr, sehr tief im Hinterkopf“, versucht Ilana Katz das Gefühl zu beschreiben. Auch wenn viele der heutigen Jüdinnen und Juden späteren Generationen angehörten, erzeuge es allein große Ängste, ihn zu sehen. „Der gelbe Stern steht nicht nur für Diskriminierung, sondern für sehr konkrete Lebensgefahr“.

Die jüdische Gemeinde ist tief getroffen

Die jetzige Verwendung durch Demonstranten empfindet Ilana Katz als billige Manipulation und eine Art von „Entweihung“ eines negativen, schrecklichen Symbols. „Die gesamte jüdische Gemeinde ist tief getroffen wegen dieser Ausnutzung der historisch höchst beladenen Symbolik.“ Dass so etwas gerade in Deutschland passiere, wo man im Bildungssystem ständig und ausgiebig über den Nationalsozialismus, seine Methoden und die grausamen Folgen lerne, mache viele in der jüdischen Community wütend und fassungslos.

Eigenes Handeln überdenken, sich mit Geschichte auseinandersetzen

Wer das Tragen eines solchen T-Shirts erwäge, von dem fordert Ilana Katz ein genaues Abwägen und Reflektieren des eigenen Handelns – insbesondere eine Auseinandersetzung mit der konkreten Geschichte des gelben Sterns und seiner Trägerinnen und Träger und ihrer Familien. Persönliche Gespräche mit Betroffenen und Fachleuten, seriöse Literatur und Internetquellen böten ausreichend Gelegenheit, sich zu informieren. „Es geht nicht darum, freie Meinungsäußerung zu verbieten“, betont sie. „Es geht darum, die eigenen Positionen nicht auf dem Rücken von Opfern auszutragen.“

(Titelbild: ep/SNZ)

Solidarität zum Jahrestag der Staatsgründung Israels

In der Nacht des 14. Mai 1948 rief der spätere Ministerpräsident David Ben-Gurion die israelische Staatsgründung aus. Israel als Staat ist also nun 72 Jahre alt.

Für Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt ist diese Gründung ein besonderes Datum in der Weltgeschichte. Denn Israel gilt für viele als (zweite) Heimat, als Rückzugs- und Zufluchtsort. Gerade in einer Zeit des international und auch bei uns in Deutschland immer präsenter werdenden Antisemitismus ist diese Gewissheit etwas sehr Wichtiges.

Als Zeichen der Freundschaft zu Israel seitens der Stadt Kassel wird heute die blau-weiße Flagge mit Davidstern vor dem Rathaus wehen.

„Wir alle sind betroffen“

Statement zur Anklage gegen den mutmaßlichen Mörder des Regierungspräsidenten Walter Lübcke

Am 2. Juni 2019 wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke in seinem Wohnhaus in Wolfhagen-Istha aus nächster Nähe erschossen. Wie am Mittwoch bekannt wurde, ist nun Anklage gegen den mutmaßlichen Täter, den Kasseler Stephan E., und seinen Unterstützer Markus H. erhoben worden. Ausschlaggebend für die Tat war demnach die Grundhaltung von Stephan E., die als völkisch-nationalistisch, von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit getragen angesehen wird. Der Fall weist auch Besorgnis erregende Verbindungen zur jüdischen Gemeinde in Kassel auf.

Foto: Viktor Zvarun

Offenbar hatte E. „schon vor dem Mord an dem CDU-Politiker mit dem Gedanken [gespielt], Anschläge [zu] verüben. So habe er eine Synagoge in Kassel ausgespäht und Dutzende Dossiers über vermeintliche Feinde angelegt“. Das steht in einem ausführlichen Artikel, den das Magazin Der Spiegel vor Kurzem veröffentlicht hat. Die Hinweise darauf, schreiben die Journalisten, seien auf einem versteckten USB-Stick gespeichert. Die Dateiordner hätten Namen wie „Juden Kassel“ oder „Daten Synagoge“. Nicht nur der „Betrieb“ an der Kasseler Synagoge sei in der Datei festgehalten worden, sondern auch der Besuch von Jugendlichen in dem G‘tteshaus.

Beobachtet zu werden wird zur Gewissheit

Die unmittelbar von diesen Nachrichten Betroffenen, die Mitglieder der jüdischen Gemeinde, sind davon überaus beunruhigt. Denn die Berichte lassen eine immer bestehende, diffuse Ahnung zur Wirklichkeit werden. Das Gefühl, beobachtet zu werden, ist für viele zu einer Gewissheit geworden. Es verursacht bei den Betroffenen ein Höchstmaß an negativen Emotionen.

Denn es geht nicht allein um die Information, dass die Gemeinde ausgespäht wurde. Gerade Jugendliche jüdischen Glaubens, für die sowohl Gemeinde als auch Gesellschaft eine besondere Verantwortung haben und die besonders schützenswert sind, befanden sich laut Spiegel im Blickfeld des mutmaßlichen Mörders. Das macht uns fassungslos. Ohnehin ist es schwierig, junge Menschen dazu zu motivieren, sich zu engagieren. Doch nun sind neue Ängste und Vorurteile entstanden, von denen wir befürchten, dass sie unser Zusammenleben langfristig bedrohen.

Eine Masse an Menschen ist betroffen

„Nicht nur Menschen, die auf der Liste standen, sind beunruhigt“, betont Ilana Katz, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde. „Es betrifft viele weitere Menschen. Dazu zählen alle unsere Angehörigen, Freunde, Mitarbeiter, Nachbarn, Kooperationspartner und viele mehr.“ Von dem Terror, dessen Wurzeln hier gesät worden sind, ist also nichts weniger als eine Masse an Menschen betroffen, so Katz. Dieses oft im Verborgenen bleibende Leid geht aus unserer Sicht auf das Konto derjenigen, die letztlich so skrupellos sind, dass sie Mordpläne in die Tat umsetzen.

Unser Mitgefühl gilt allen, die wie wir von den jetzigen Vorfällen direkt oder indirekt betroffen sind. Letztlich sind es aber wir alle, die von diesen üblen Vorgängen seit Langem betroffen sind. Rechtsextremismus ist wahrlich kein neues Phänomen. Seine Gefahr zeigt sich schon seit Langem nicht nur irgendwo auf der Welt, sondern ganz konkret hier bei uns in der Region. Noch vor dem Anschlag auf Walter Lübcke gab es andere schreckliche Ereignisse bei uns in Kassel, die mit Rechtsextremismus in Verbindung stehen. In jüngerer Zeit ist es vor allem der Mord an Halit Yozgat am 6. April 2006.

Kein Einzeltäter

Doch natürlich geht die Chronik rassistischen und fremdenfeindlichen Gedankenguts weit in die Geschichte zurück. Dessen sollte man sich bewusst sein, wenn irgendwo betont wird, es handle sich mutmaßlich um einen Einzeltäter. Nein. Nach unseren Erkenntnissen ist uns bewusst: Die rechte Szene ist gut vernetzt.

Im Interesse der Angehörigen des Opfers und aller Beteiligten ist es nun nötig, dass der Fall lückenlos und professionell aufgeklärt wird. Diejenigen, die für die Taten verantwortlich sind, müssen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln des Rechtsstaats zur Rechenschaft gezogen und entsprechend verurteilt werden.

Zusammenhalt ist wichtig

Die Aufgabe für uns als Zivilgesellschaft sollte es sein, zusammenzustehen und sich offen und mutig gegen Antisemitismus, Menschenhass, Terror und Gewalt auszusprechen. Denn der aktuelle Fall zeigt: Ganz gleich ob Christen, Juden, Muslime, Konfessionslose oder andere – von den Auswirkungen von Gewalt und Terror sind wir alle betroffen. Solidarisch zu sein, zusammenzuwirken und aufeinander Acht zu geben, scheint uns darum mehr denn je das dringende Gebot der Stunde.

„Eli, Eli“ zum Gedenktag Jom HaSchoa

Jom HaSchoa ist die Kurzform des Namens eines wichtigen israelischen Nationalfeiertags. Nach gregorianischem Kalender fällt er in diesem Jahr auf den 21. April, wobei er nach jüdischer Tradition bereits mit dem Sonnenuntergang des Vortages begonnen hat. Sein voller Name lautet „Tag des Gedenkens an Holocaust und Heldentum“.

Menschen auf der ganzen Welt gedenken an diesem Tag der rund sechs Millionen Opfer ihres Glaubens, welche der Holocaust gefordert hat. Symbolische Handlungen, die mit diesem Tag verbunden werden, sind sowohl leise als auch laut. So werden lodernde Fackeln entzündet, aber auch die Sirenen heulen während einiger Gedenkminuten am Morgen in ganz Israel. Gleichzeitig steht der Verkehr dort still – das öffentliche Leben hält ein. Dies sind nur einige Beispiele für viele Gedenkhandlungen und -aktionen auf der ganzen Welt.

Erinnerung an Hannah Szenes

HaSchoa ist dazu auch ein Tag, an welchem dem jüdischen Widerstand gedacht wird. Eine Widerstandskämpferin mit großem Mut und tragischem Schicksal war die ungarische Jüdin Hannah Szenes. Sie wurde 1921 in Budapest geboren und war die Tochter eines Journalisten. Schon früh entwickelte sie großes Interesse an Literatur und Poesie; sie soll eine ausgezeichnete Schülerin gewesen sein und durfte eine Eliteschule besuchen.

Als junge Frau entwickelte Hannah Szenes dann starke politische Ambitionen. Mit dem Willen zum Widerstand meldete sie sich im Jahr 1943 bei der britischen Armee und wurde zur Kämpferin ausgebildet. In einer spektakulären Aktion sprang sie mit rund dreißig anderen Personen im März 1944 mit einem Fallschirm hinter den feindlichen Linien in Jugoslawien ab. Die Mission lautete, Piloten der Alliierten zu befreien und dann aus dem Untergrund heraus jüdischen Menschen zu helfen.

Nachdem sie die ungarische Grenze überquert hatte, wurde Hannah Szenes verhaftet, in Budapest verhört und sowohl körperlich als auch psychisch brutal gefoltert. Schließlich verurteilte man sie zum Tode. Am 7. November 1744 wurde sie in ihrer Geburtsstadt Budapest erschossen. Ihre Gebeine wurden Jahre später nach Israel überführt.

Eli, Eli

Das Gedicht „Ein Spaziergang nach Caesarea“, das wir zum diesjährigen Gedenktag HaSchoa ausgewählt haben, gehört zu den bekanntesten Werken der Lyrikerin Hannah Szenes. Sie hat es 1942 geschrieben, und bereits 1945 wurde es vom israelischen Komponisten David Zehavi (1910-1977) vertont. Als „Eli, Eli“ („Mein Gott, mein Gott“, die erste Zeile des Gedichts) ist es sehr berühmt geworden, ja es gilt manchen sogar als inoffizielle israelische Hymne.

Der hebräische Originaltext lautet in deutscher Übersetzung:

Mein Gott, mein Gott,
lass niemals enden:
den Sand und das Meer,
das Rauschen des Wassers,
die Blitze des Himmels
und das Gebet des Menschen.

Mitglieder des Cantamus Jugendchors haben das Lied im Februar 2019 als Teil einer selbst-entwickelten literarisch-musikalischen Komposition über das Ghetto Theresienstadt zum Klingen gebracht. Ort dieser Aufführung war die CROSS Jugendkulturkirche in Kassel. Die Leitung hatten Maria Radzikhovskiy und Elena Padva.

„Es ist einerseits ein sehr ruhiges Lied, in dem es nicht um Kampf oder Krieg geht, sondern um die Wertschätzung der Welt“, so Elena Padva. „Andererseits schwingt in der melancholischen Melodie immer auch das tragische Schicksal der Autorin mit.“

„An Pessach betrachten wir die geistige Seite des Lebens“

Am 8. April beginnt Pessach, eines der wichtigsten jüdischen Feste. Jüdinnen und Juden erinnern an die Befreiung aus der Sklaverei, mit dem Auszug aus Ägypten frei geworden zu sein. Wir haben mit dem Rabbiner der jüdischen Gemeinde Kassel, Shaul Nekrich, über die Bedeutung des Fests gerade in Krisenzeiten wie diesen gesprochen.

Schmuckstück für das Fest: Ein besonders aufwändig verzierter Sederteller. (Bild: privat)

Warum ist Pessach so wichtig für die jüdische Community?

Der Auszug aus Ägypten ist tief verwurzelt im jüdischen Glauben und unserer Kultur. Alle jüdischen Feiertage, die in der Tora erwähnt werden, sind damit eng verbunden. Nicht nur an diesen Tagen, sondern jeden Tag beim Gebet „Shma Israel“ („Höre Israel“) wird ein Bezug auf den Auszug aus dem Ägypten genommen. Als mehrtägiges Fest hat Pessach aber eine besondere Bedeutung.

Mit dem Auszug aus Ägypten ist das jüdische Volk frei geworden. Geht es ausschließlich um diese physische Befreiung?

Nicht allein – besonders auch die innere, geistige Freiheit ist damit gemeint. Pessach lehrt uns: Jeder Mensch trägt die Fähigkeit, sich von allem Materiellen zu distanzieren und die geistige Seite des Lebens zu betrachten.

Wie kann das gelingen? Etwa, indem man bestimmte Dinge unterlässt, etwa bestimmtes Essen oder bestimmte Lieder?

Es geht nicht darum, was man an diesem Feiertag unternimmt oder eben sein lässt. Es geht um die geistige Komponente. Um das zu verstehen, muss man diese innere Freiheit in sich selbst finden. Jede Handlung, die man an diesen Tag unternimmt, hat eine geistige Wurzel und ist der Schlüssel zu diesem Feiertag. So ähnlich wie die Gebete. So findet man den Sinn der alltäglichen Existenz in sich.

Am ersten Abend des Fests, dem Sederabend, wird im Kreis der Familie und Freunde die Pessah-Hagada, die Geschichte des Auszugs erzählt. Durch die derzeitige Pandemie müssen wir aber eher voneinander Abstand nehmen. Wie sollte man mit diesem Widerspruch umgehen?

Seder Pessach ist ein Familienfest. Es zusammen mit der ganzen Community zu feiern, ist eher ein Brauch in Deutschland. In Israel dagegen feiert man es nur im engen Familienkreis, wobei man auch Großeltern einlädt. Das wird in diesem Jahr schwierig sein. Man wird darauf verzichten können.

Steht die Vorschrift, sich nicht zu versammeln, über dem religiösen Brauch?

Sich um die eigene Gesundheit und die Gesundheit der anderen zu kümmern, steht über dem Erfüllen von Traditionen. Ich sehe es so: Pessach gibt uns in diesem Jahr eine große Chance, die eben beschriebene geistige Freiheit zu finden. Gerade in dieser Ausnahmesituation, in der wir physisch und sozial so eingeschränkt sind, erhalten wir die Möglichkeit, mehr über die geistige Freiheit nachzudenken. Das sollten wir tun.

Vielen Dank für das Gespräch!

Pessach 2020: Wie wird das Fest in diesem Jahr gefeiert?

Ab dieser Woche feiern Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt das Pessach-Fest. Doch wie funktioniert das eigentlich in dieser besonderen Zeit? Gabi Katz hat sich für uns in der jungen Community umgehört.

Jüdisches Leben in Zeiten von Corona

Die Corona-Krise belastet das Leben vieler Menschen weltweit. Trotzdem hört das Kulturleben nicht auf. Wir haben auf dieser Seite drei aktuelle Kulturtipps mit Bezug zum jüdischen Leben für Sie zusammengestellt.

1. „Fühlen Sie Ihre Verbindung zu anderen“ – Natan Scharanski gibt 5 Tipps für die Zeit in Quarantäne

Natan Scharanski, Israelischer Politiker, Autor und langjähriger Leiter der Jewish Agency, gibt in einem unterhaltsamen Video fünf Tipps für die Zeit in Isolation. Der heute 72-Jährige weiß aus eigener Erfahrung, wie man mit bedrückenden Situationen umgeht. Seit seiner Verhaftung durch sowjetische Behörden im Jahr 1977 verbrachte er neun Jahre in einem Gulag, die Hälfte dieser Zeit in Einzelhaft. Nach seiner Befreiung ging er nach Israel, wurde zum einflussreichen gesellschaftlichen Akteur.

Eine seiner charmant vorgetragenen Botschaften lautet: „Führen Sie Ihre Verbindung zu anderen und erinnern Sie sich daran: Sie sind nicht allein. Wir Juden waren für Tausende von Jahren über die ganze Welt verstreut, aber immer hatten wir diesen Gefühl, ein Teil eines großen, großartigen Volks zu sein.“

2. „Mozart for Quarantine“ mit dem Jerusalem Street Orchestra

Viele Musikerinnen und Musiker sind von den Auswirkungen der Pandemie derzeit direkt betroffen – durch geschlossene Konzerthäuser, abgesagte Proben und fehlende Unterrichtsmöglichkeiten. Das junge Jerusalem Street Orchestra, das sich aus Absolventen der Jerusalem Music Academy zusammensetzt, hat sich auf digitalem Weg zusammengetan. Per Videokonferenz ist eine beeindruckende Version einer berühmten Komposition entstanden: der „Kleinen Nachtmusik“ von Wolfgang Amadeus Mozart.

Die Musikerinnen und Musiker sind auf einem bis zu 16-fach geteilten Bildschirm zu bewundern. Als Zuschauer kommt man ihnen dabei so nah, wie es wohl in kaum einem Konzert möglich ist.

Eine geschickte Nachbearbeitung sorgt dafür, dass man das musikalische Meisterwerk trotz Einbußen der Tonqualität sehr gut genießen kann. Schon jetzt hat das Video über 6800 Klicks in den sozialen Medien. Offenbar ein großartiger Mutmacher …

3. Hannah Arendt wird in Online-Hörcollagen lebendig

Totalitarismus, Antisemitismus, die Lage von Flüchtlingen, der Eichmann-Prozess, der Zionismus, das politische System und die Rassentrennung in den USA, Studentenproteste und Feminismus. Zu all diesen Themen bezog die Philosophin Hannah Arendt Stellung. Ihre Urteile und Meinungen sind noch heute voller Sprengkraft.

Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums zu Arendts Leben und Werk – „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“, in dem sich immer auch die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts spiegelt, konnte wegen der aktuellen Krise nicht eröffnet werden.

Das Berliner Museum hat sich daher entschlossen, die Ausstellung in Teilen online zugänglich zu machen. Eine Bildergalerie gibt Einblicke in die Räumlichkeiten, besonders spannend aber ist die Sammlung von Hörcollagen, die in Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunksender rbbKultur entstanden sind. Zugegeben: Das Angebot setzt etwas Vorwissen und Konzentration voraus. Doch allein die mutige Philosophin wortstark und unerlässlich rauchend im Hörspiel zu erleben, lohnt den Besuch der Online-Ausstellung.

Hier geht es zum Angebot: Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert – Follow online