Jüdische Perspektiven beim 37. Kasseler Dokfest

In diesem Monat sind wir Kooperationspartner des 37. Kasseler Dokfests!

Das Filmfestival findet in diesem Jahr vollständig online statt. Viele Filme sind auf einer eigens eingerichteten Streamingplattform zu sehen. Im Rahmen der Kooperation möchten wir euch besonders zwei aktuelle Filme mit Bezug zum jüdischen Leben empfehlen:

Displaced

Szene aus „Displaced“. (Foto: PR/Kasseler Dokfest)

Deutschland 2020 / 87 Min. / Englisch, Deutsch, Jiddisch / deutsche UT

Regie: Sharon Ryba-Kahn
Kamera: Omri Aloni
Schnitt: Evelyn Rack
Ton: Kai Ziarkowski
Musik: Dascha Dauenhauer
Produktion: Alex Tondowski und Ira Tondowski

Die junge Filmemacherin Sharon Ryba-Kahn, Enkelin von Shoah-Überlebenden, sucht mit ihrem sehr persönlichen Recherche-Film nach Antworten. Sie sucht nach den Spuren des Holocausts im Außen wie im Innern, in der eigenen Seele wie in der ihres Vaters, nach Gründen für das Schweigen der zweiten Generation Überlebender und für die Unbedarftheit ihrer nichtjüdischen, deutschen Freundinnen. Wie ist es, Jüdin zu sein im Land der Täter*innen – diese Frage hat auch 75 Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes und der fast völligen Auslöschung des Judentums in Europa nichts an Aktualität verloren.

Verfügbar ab: 19. November 2020

Endlich Tacheles

Gibt es ein modernes jüdisches Leben ohne Bezug zur Vergangenheit? Szene aus „Endlich Tacheles?“ (Foto: PR/Kasseler Dokfest)

Deutschland 2020 / 104 Min. / Deutsch, Hebräisch, Englisch / englische UT

Regie: Jana Matthes & Andrea Schramm
Kamera: Lars Barthel, Andrej Johannes Thieme
Schnitt: Julia Wiedwald
Ton: Timo Selengia, Nic Nagel, Yishai Ilan
Musik: The Notwist, Bernd Jestram
Produktion: Gunter Hanfgarn, Jana Matthes, Andrea Schramm

Yaar sieht sich als ganz „normalen“ Deutschen. Das Schicksal seiner Vorfahr* innen habe nichts mit ihm und seinem Leben zu tun. Ähnlich sieht es sein Kommilitone Marcel. Was zählt, ist die Gegenwart, ihre von der Geschichte unbelastete Freundschaft. Zum Beweis beschließen sie, ein Computerspiel über den Holocaust zu entwickeln, in dem Opfer und Täter anders sind. Als Vorbilder sollen ein jüdisches bzw. nazideutsches Familienmitglied dienen. Hier nimmt für Yaar eine emotionale Reise ihren Ausgang, die alles verändert, da er seinen Vater und die traumatisierte Großmutter endlich zum Sprechen bringt.

Verfügbar ab: 20. November 2020

Die Filme werden ab ihrem jeweiligen Startdatum für 6 Tage bundesweit verfügbar sein. Die Streaming-Plattform ist über folgende Adresse erreichbar: https://kasseler-dokfest.culturebase.org/

Online-Fortbildung zu Antisemitismus und Verschwörungsideologien

Unter dem Thema „Mal wieder die Juden! – Antisemitismus und Verschwörungsideologien als Themen in der Pädagogik“ findet am 25. November 2020 von 17.00-19.00 Uhr eine Online-Fortbildung statt. Er richtet sich an Pädagoginnen und Pädagogen der Sekundarstufen I und II sowie an alle Interessenten.

Welche Formen nimmt moderner Antisemitismus an? Wie entstehen Verschwörungsmythen und welche Funktionen erfüllen sie? Wie wirken Verschwörungsideologien und Antisemitismus zusammen? Ziel des fachdidaktischen Studientages ist, die Lehrerinnen und Lehrer im Umgang mit Antisemitismus und Verschwörungsmythen zu stärken und Handlungsoptionen für die praktische Arbeit an die Hand zu geben.

Es handelt sich um eine Kooperation des Sara Nussbaum Zentrums und der Gedenkstätte Breitenau.

Referenten sind:

  • Julian Timm
  • René Mallm

Anmeldung unter info@sara-nussbaum-zentrum.de
Die Veranstaltung wird als zweistündige Veranstaltung bescheinigt.
Der Zugangslink wird nach Anmeldung zur Veranstaltung zeitnah zugeschickt.

Gelebte Bildung zu jüdischem Leben

Positive Bilanz der „KW 36“ – Kasseler Woche der Museen

Erhielten viel Applaus für ihr Open-Air-Konzert im Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben in Kassel: die Musiker Olga Vasileva und Mikhail Gantman. (Foto: SNZ/Yuriy Druzhkevych).

Wir ziehen eine positive Bilanz aus der Teilnahme an der „KW 36“ – Kasseler Woche der Museen. „Nach einer mehrmonatigen Zeit der durch die Corona-Pandemie bedingten Schließung haben wir uns sehr gefreut, wieder Publikum und interessierte Besucher*innen begrüßen zu dürfen“, sagte die Leiterin des Sara Nussbaum Zentrums, Elena Padva.

Vom 1. bis zum 6. September haben wir uns mit mehreren Formaten an der Museumswoche, die in dieser Form zum ersten Mal stattfand, aktiv beteiligt. So war neben der täglichen Öffnung der Dauerausstellung „700 Jahre Juden in Kassel“ auch die Wechselausstellung geöffnet. Die Schau mit dem Titel „Wir hoffen, dass wir bald bei dir sind …“ ist der bewegenden Geschichte der Kindertransporte zur Nazi-Zeit und der Lebensgeschichte der gebürtigen Kasselerin Dorrith Sim gewidmet. Durch die Wechselausstellung boten die Kuratorinnen Julia Drinnenberg und Gabriele Hafermaas vom Stadtmuseum Hofgeismar mehrere Führungen im Zentrum an.

Besuch der Wechselausstellung im Sara Nussbaum Zentrum: Kulturdezernentin Susanne Völker, Elena Padva (Leiterin) und Kulturamtsleiterin Carola Metz.

„Wir haben ein reges Interesse bemerkt und konnten viele Fragen zu unserer lokalen jüdischen Geschichte beantworten“, so Elena Padva. Besonders freute sie sich über den Besuch der Kulturdezernentin der Stadt Kassel Susanne Völker und der Leiterin des Kasseler Kulturamts Carola Metz. Beide konnten sich vor Ort einen guten Einblick in die Arbeit des Zentrums und die aktuellen Ausstellungen verschaffen.

Einen musikalischen Akzent setzte am Wochenende ein Open-Air-Konzert mit den Musikern Olga Vasileva und Mikhail Gantman. Mit Gesang und Gitarre spielten sie unter dem Titel „Widerspiegelungen“ ein israelisch-internationales Musikprogramm. Trotz gebotenem Abstand und weiteren durch die Pandemie notwendigen Maßnahmen wurde es ein stimmungsvoller Abend mit reichlich Applaus für die Auftretenden.

Jüdische Kultur und Bildungsangebote sichtbar machen

Sara Nussbaum Zentrum beteiligt sich mit Ausstellungen, Führungen und Musik an der Kasseler Woche der Museen „KW 36“

Am Samstag, 5. September lädt das Sara Nussbaum Zentrum um 18 Uhr zu einem Open-Air-Konzert ein. Die Künstler Mikhail Gantman und Olga Vasileva präsentieren unter dem Titel „Widerspiegelungen: Ausländisches in israelischen Liedern und Israelisches in internationalen Liedern“ ein ansprechendes Musikprogramm. Ihre Lieder vereint die Verbindung zwischen den Kulturen aus der ganzen Welt: Etwa „Let it be“ auf Hebräisch, Gemeinsames in der Geschichte Berlins und Jerusalems, von sowjetischen Dichtern verfasste Hebräische Lieder und vieles mehr. Für das Konzert ist keine Anmeldung erforderlich.

Alternativ zur traditionellen Kasseler Museumsnacht findet in diesem Jahr die „KW36“ – Kasseler Woche der Museen – in der ersten Septemberwoche statt. Auch das Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben beteiligt sich an diesem besonderen Format mit Ausstellungen, Führungen und Musik.

„Wir freuen uns, an diesem neuen Format teilnehmen zu können“, so die Leiterin des Zentrums, Elena Padva. „Wir möchten mit unserem Angebot die Besucherinnen und Besucher einladen, die Vielfalt jüdischen Lebens zu erleben. Für uns ist die KW 36 eine großartige Chance, jüdische Kultur und unsere Bildungsangebote für alle Interessierten sichtbar zu machen.“

Jüdische Lokalgeschichte in der Dauerausstellung

Einen grundsätzlichen informativen Einblick in die jüdische Lokalgeschichte bietet die Dauerausstellung „700 Jahre Juden in Kassel“. Sie zeigt einen Ausschnitt der rund 700-jährigen Geschichte der Juden in Kassel und in der Region. Bedeutende Persönlichkeiten jüdischen Glaubens wie Ludwig Mond, Sara Nussbaum und Rudolf Hallo werden vorgestellt. Auch der jüdischen Gemeinde in Kassel ist ein eigenes Kapitel gewidmet.

Wechselausstellung „Wir hoffen, dass wir bald bei dir sind …“

Die aktuelle Wechselausstellung „Wir hoffen, dass wir bald bei dir sind …“ thematisiert die Kindertransporte aus dem Deutschen Reich. Der Ausstellungstitel stammt aus einem Kinderbuch der Kasselerin Dorrith Sim, die als eines von 10.000 jüdischen Kindern im Rahmen einer beispiellosen Rettungsaktion vor 80 Jahren in England aufgenommen wurden. Die Ausstellung zeigt teils großformatige Illustrationen zu zehn lustigen Kindergeschichten von Dorrith Simm, die in einem museumspädagogischen Projekt mit zehn Grundschulklassen in der Region entstanden sind.

Öffnungszeiten: Die Ausstellungen können während der Museumswoche von Dienstag bis Samstag von 15-19 Uhr sowie am Sonntag von 11-15 Uhr besichtigt werden. Da die Anzahl der gleichzeitigen Besucher auf 20 Personen eingeschränkt ist, kann es gegebenenfalls zu Wartezeiten kommen.

Führungen

Zur Wechselausstellung werden von den Kuratorinnen Julia Drinnenberg und Gabriele Hafermaas (Stadtmuseum Hofgeismar) während der „KW 36“ mehrere Führungen angeboten. Diese starten am Donnerstag, 3. September einmal um 15 Uhr sowie um 17 Uhr. Am Sonntag, den 6. September findet eine weitere Führung ab 11 Uhr statt. Die Führungen sind jeweils für die Dauer einer Stunde ausgelegt. Wegen der begrenzten Teilnehmerzahl ist eine Anmeldung erforderlich, entweder per E-Mail an info@sara-nussbaum-zentrum.de oder telefonisch unter 0561-93728281.

Programmübersicht und Tickets

Unsere Programmübersicht ist hier als PDF zum Download verfügbar.

Aktuelle Informationen zu Tickets für die „KW36“ sind auf der Website der Kasseler Woche der Museen verfügbar.

Unsere aktuellen CD-Empfehlungen

In den vergangenen Wochen hat das Sara Nussbaum Zentrum auf dem Social Media Kanal bei Facebook eine kulturelle Reihe veröffentlicht. Immer zum Schabat ging es um aktuelle oder schon etwas länger bekannte Musik, die einen interessanten Bezug zu jüdischem Leben und jüdischer Kultur hat und unserem Team besonders am Herzen liegt.

Die Auswahl war bewusst breit getroffen. Sei es, dass die Musiker*innen selbst jüdisch sind, dass die Komponistinnen aus jüdischen Familien stammten oder dass es sich um Musik mit Bezug zum Judentum handelte. Eine breite Palette an Melodien, Klängen und Stilistiken war uns gleichermaßen wichtig: vom Klezmer bis zur Kompositionen von Felix Mendelssohn Bartholdy, von Popmusik über Film-Scores bis zu Brückenschlägen zwischen verschiedenen Genres.

Hier finden Sie noch einmal eine Übersicht der von uns ausgewählten Titel:

  • Sistanagila: Urub. (Spinnup)
  • Jan Lisiecki, Orpheus Chamber Orchestra: Mendelssohn. (DGG)
  • Omer Adam: OMER | עומר. (P.A.I.)
  • Benny Goodman: The Complete Legendary 1938 Carnegie Hall Concert. (American Jazz Classics)
  • Sveta Kundish/Daniel Kahn: Mentshn-Fresser. (YouTube)
  • Erich Wolfgang Korngold: The Sea Hawk / Deception. (Naxos)
  • Jewdyssee: 5773. (Panshot Records)
  • Escher String Quartet: Zemlinsky – String Quartets Vol. 1. (Naxos)
  • Asaf Avidan: Gold Shadow. (Polydor)
  • Klezmerata fiorentina: Fifteen Variations on the Theme of Life. (NBB Records)

Kurze Vorstellungen der einzelnen Alben bzw. Titel finden Sie in unserer Facebook-Timeline. Wir freuen uns, wenn Sie uns dort folgen, und wünschen viel Spaß beim Stöbern, Entdecken und Genießen!

Zu Gast in der Video-Reihe „Draußen auf der Bank“

Elena Padva, Leiterin des Sara Nussbaum Zentrums, im Videointerview mit Rüdiger Jungbluth (Evangelisches Forum Kassel). (Bild: Evangelisches Forum Kassel)

Die Leiterin des Sara-Nussbaum-Zentrums, Elena Padva, war im Juli Video-Reihe „Draußen auf der Bank“ des Evangelischen Forums Kassel zu Gast. Die aktuelle Folge ist gerade unter anderem auf YouTube veröffentlicht worden.

Das Gespräch mit Dr. Rüdiger Jungbluth drehte sich insbesondere um die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Arbeit im Kultur- und Bildungssektor. Klar wurde zudem, dass die aktuellen Umstände wie ein Brennglas für gesellschaftliche Entwicklungen wirken.

„Krisenzeiten sind Verschwörungszeiten“, so Elena Padva. Als Beispiel nannte sie das verstärkte Aufkommen von Verschwörungstheorien. „Wenn man ein Blick in die Geschichte blickt, kann man sehen, wie gerade Juden immer wieder zur Projektionsfläche für Vorurteile wurden“, so Elena Padva. Der Wunsch nach einfachen Erklärungen auch heute sei verständlich. Doch gerade Vorfälle wie so genannte Judensterne auf Corona-Demos machten große Sorgen.

Gleichzeitig, betonte Elena Padva, gebe es aber auch bemerkenswerte positive Effekte der Pandemie: „Die Menschen solidarisieren sich und kommen sich entgegen.“ Das haben insbesondere die älteren Mitglieder jüdischen Gemeinde erfahren, bei denen sich viele Menschen persönlich oder telefonisch gemeldet und Hilfe angeboten hätten.

Wir danken dem Evangelischen Forum herzlich für das Interview.

Keine weiße Weste

Bei der Aufarbeitung der Documenta-Geschichte sollten auch Fragen zu Antisemitismus und Rassismus berücksichtigt werden

Das Fridericianum in Kassel. (Bild: H. Helmlechner, CC BY 2.5)

Die Gründungsriege der ersten Documenta im Jahr 1955 bestand zum großen Teil aus ehemaligen NSDAP-Mitgliedern. Das zeigen unter anderem aktuelle Forschungen der Kunsthistorikerin Mirl Redmann, deren Aufsatz „Das Flüstern der Fußnoten. Zu den NS-Biografien der documenta Gründer*innen“ gerade in der Reihe „documenta studien“ veröffentlicht wurde. Bis heute existiert der Mythos, die Gründung der bis heute bedeutendste Kunstausstellung in Kassel sei frei von Verbindungen zum Nazismus gewesen. Doch diese Erzählung wird nun, wissenschaftlich belegt, immer unglaubwürdiger.

Die Bilanz ist schockierend: Acht von insgesamt 21 Gründungsfiguren der ersten Documenta lassen sich, dem Artikel-Editorial von Nanne Buurman und Nora Sternfeld zufolge, inzwischen als NSDAP-Mitglieder identifizieren. Besonders konzentrieren sich Mirl Redmanns Untersuchungen auf den Kunsthistoriker Werner Haftmann, der von 1955-64 als wissenschaftlicher Berater der ersten Ausstellungen in Kassel wirkte. Haftmann und die übrigen Organisatoren bestimmten wesentlich die Ausrichtung der Kunstausstellung. Sie entschieden unter anderem über die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler und die gezeigten Werke.

Es ergeben sich unzählige Fragen

Die Untersuchungen und Veröffentlichungen haben seit Ende 2019 eine Diskussion in der Wissenschaft und in den deutschen Feuilletons ausgelöst (beispielsweise hier, hier und hier). Es ergeben sich unzählige Fragen. Interessant wäre es vor allem zu wissen, welchen konkreten Einfluss die frühere Mitgliedschaft in der nationalsozialistischen Partei auf die Arbeit der Kuratoren hatte: Wurden beispielsweise bewusst ideologisch motivierte Leerstellen gelassen? Förderte man jene, deren Gesinnung vor dem Hintergrund früherer Zeiten einwandfrei schien? Welche Künstlerinnen und Künstler blieben unberücksichtigt, allein aufgrund ihrer Herkunft, religiösen und weltlichen Orientierung oder politischen Gesinnung – oder weil sie Jüdinnen und Juden waren?

Antisemitismus und Rassismus sollten im Blick der documenta-Forschung sein

Die Geschichte der Documenta müsse neu bewertet werden, bestätigte die Generaldirektorin der Documenta, Sabine Schormann, vor Kurzem in den Medien. Zur Aufarbeitung verwies sie auf das noch einzurichtende Documenta-Institut in Kassel. Wie und wann man sich dort mit der Nazi-Vergangenheit der Gründer beschäftigt, bleibt also noch abzuwarten.

Doch die Gründungsgeschichte der Documenta wissenschaftlich korrekt auf den Grund zu gehen, ist vor dem Hintergrund ihrer weltweiten Bedeutung wichtig. Nicht zuletzt mögliche Tendenzen von Antisemitismus und Rassismus unter den Kuratoren und Organisatoren der frühen Documenta-Ausstellungen sollten hier im Blick der Forschung sein.

Für die ehrliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der Documenta, die immer sowohl bedeutende Kunstgeschichte als auch nordhessische Regionalgeschichte ist, wäre das ein mehr als wichtiger Baustein.

Sara Nussbaum Zentrum erstrahlte in rotem Licht

Zentrum für Jüdisches Leben beteiligt sich an der deutschlandweiten Aktion „Night of Light“

(Foto: ep/SNZ)

In der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 2020 wurden bundesweit in mehr als 250 Städten verschiedene Orte zu leuchtenden Mahnmalen. Auch das Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben beteiligte sich an der Aktion. Das Gebäude in der Kasseler Ludwig-Mond-Straße wurde ab dem späten Abend in leuchtend rote Farben getaucht.

Die deutschlandweite Aktion diente dazu, auf die Folgen der Auflagen im Zuge der Corona-Krise für Veranstalter in Deutschland aufmerksam zu machen. Ähnlich wie das Sara Nussbaum Zentrum beteiligten sich in Kassel sich zahlreiche weitere Einrichtungen aus der Kulturszene an dem flammenden Appell.

Das Sara Nussbaum Zentrum unterstützt die Aktion in dem Anliegen, für eine größere Aufmerksamkeit seitens Politik und Gesellschaft auf die Probleme der Veranstalter zu sorgen. „Besonders für kleinere Veranstaltungsorte und gemeinnützig organisierte Einrichtungen haben die Auflagen der Corona-Pandemie enorme Auswirkungen“, sagte Elena Padva, Leiterin des Sara Nussbaum Zentrums. Auch das Zentrum kann derzeit keinen regelmäßigen Publikumsverkehr ermöglichen.

„Anfragen zu unseren Inhalten, etwa unseren Ausstellungen und besonders unseren Vermittlungsangeboten zu jüdischem Leben und jüdischer Kultur, sind aber weiterhin möglich und werden von uns sehr gern bearbeitet“, betonte Padva.

Die Beteiligung an der Night of Light zeige zudem, dass die Arbeit im Kasseler Zentrum für Jüdisches Leben auch in Zeiten der Corona-Pandemie sehr aktiv weitergehe.

Für die Aktion dankt das Sara Nussbaum Zentrum herzlich Herwig Thol und Miki Lazar für die großartige Zusammenarbeit.

Weitere Infos zur Aktion „Night of Light“ 2020

Antisemitismus in der Schule: Ratschläge für Lehrkräfte

Antisemitismus ist ein andauerndes, alltägliches, schichten- und altersübergreifendes Phänomen. Auch vor den Türen von Klassenzimmern und Jugendeinrichtungen macht er leider nicht Halt. Schon junge Schülerinnen und Schüler jüdischen Glaubens müssen erleben, wie sich teils subtile, teils für alle sicht- und erlebbare Diskriminierung anfühlt. Schmerzvoll ist oft auch das Gefühl, von Autoritäten wie Lehrerinnen und Lehrern allein gelassen zu werden.

In der aktuellen Ausgabe der pädagogischen Fachzeitschrift Klasse leiten (Friedrich Verlag) widmet sich die Leiterin des Sara Nussbaum Zentrums Elena Padva diesem anspruchsvollen Thema. Ausgehend vom Fallbeispiels eines 15-jährigen Schülers, der in seiner Klasse mit antisemitischen Handlungen konfrontiert ist, schildert sie die Folgen, die Antisemitismus in der Schule hat.

„Es gibt keine Rezepte dafür, wie man gegen Antisemitismus vorgehen sollte“, so Elena Padva. Aus ihrer langjährigen Erfahrung in vielen Workshops mit Schulklassen und der Zusammenarbeit mit Lehrerinnen und Lehrern leitet sie dennoch wichtige Empfehlungen ab, die beim Umgang mit Antisemitismus im schulischen Alltag bedacht werden können.

Besonders empfehlen möchten wir auch eine aktuelle Publikation der im Artikel bereits erwähnten Forscherin Prof. Dr. Julia Bernstein: Antisemitismus an Schulen in Deutschland: Befunde – Analysen – Handlungsoptionen. Mit Online-Materialien. Beltz-Juventa 2020.

„Nicht nur Diskriminierung, sondern konkrete Gefahr!“

Statement zu T-Shirts mit dem „gelben Stern“ auf Demonstrationen in der Corona-Krise

In der Ausstellung des Sara Nussbaum Zentrums sind historische Abbildungen des gelben Sterns zu sehen. (Bild: ep/SNZ)

Auf „Corona-Demos“ und „Hygiene-Spaziergängen“ stilisieren sich Teilnehmer derzeit als Opfer einer vermeintlichen Diktatur. Unter diejenigen, die berechtige Sorgen vortragen und ihr Recht auf Meinungsfreiheit wahrnehmen, mischen sich nach Medienberichten immer häufiger auch Menschen mit rechter oder rechtsextremer Gesinnung. Wie jetzt auf Twitter gemeldet wurde und in den Medien zu lesen ist, wurde bei einer Veranstaltung im Mai in Kassel ein gelber Stern, auf dem vermutlich das Wort „ungeimpft“ zu lesen war, öffentlich auf einem T-Shirt gezeigt.

Offensichtlich wollen die Träger eines solchen Symbols zum Ausdruck bringen, von einem herrschenden System gebrandmarkt, vielleicht sogar politisch verfolgt zu werden. Der so genannte „Judenstern“ war das bekannteste Zeichen zur Zeit des Nationalsozialismus, um Jüdinnen und Juden äußerlich zu kennzeichnen, zu diskriminieren und zu verfolgen. Das führte letztlich zur Ermordung von über 6 Millionen Menschen in Europa.

Mehr als ein Symbol

Die jüdische Gemeinde reagierte entsetzt auf die aktuellen Berichte. „In jeder Familie unserer Gemeinde musste der gelbe Stern von Familienmitgliedern getragen werden“, sagt Ilana Katz, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kassel. Sie erinnert als Beispiele an Verwandte, die im jüdischen Ghetto in Riga zum Tragen des Sterns gezwungen, verfolgt und schließlich ermordet wurden, sowie an Angehörige, die in einem KZ in der heutigen Ukraine ebenfalls den Stern tragen mussten und schließlich dort umkamen. Beispiele wie diese gebe es unzählige.

„Der mit dem gelben Stern verbundene Schrecken sitzt sehr, sehr tief im Hinterkopf“, versucht Ilana Katz das Gefühl zu beschreiben. Auch wenn viele der heutigen Jüdinnen und Juden späteren Generationen angehörten, erzeuge es allein große Ängste, ihn zu sehen. „Der gelbe Stern steht nicht nur für Diskriminierung, sondern für sehr konkrete Lebensgefahr“.

Die jüdische Gemeinde ist tief getroffen

Die jetzige Verwendung durch Demonstranten empfindet Ilana Katz als billige Manipulation und eine Art von „Entweihung“ eines negativen, schrecklichen Symbols. „Die gesamte jüdische Gemeinde ist tief getroffen wegen dieser Ausnutzung der historisch höchst beladenen Symbolik.“ Dass so etwas gerade in Deutschland passiere, wo man im Bildungssystem ständig und ausgiebig über den Nationalsozialismus, seine Methoden und die grausamen Folgen lerne, mache viele in der jüdischen Community wütend und fassungslos.

Eigenes Handeln überdenken, sich mit Geschichte auseinandersetzen

Wer das Tragen eines solchen T-Shirts erwäge, von dem fordert Ilana Katz ein genaues Abwägen und Reflektieren des eigenen Handelns – insbesondere eine Auseinandersetzung mit der konkreten Geschichte des gelben Sterns und seiner Trägerinnen und Träger und ihrer Familien. Persönliche Gespräche mit Betroffenen und Fachleuten, seriöse Literatur und Internetquellen böten ausreichend Gelegenheit, sich zu informieren. „Es geht nicht darum, freie Meinungsäußerung zu verbieten“, betont sie. „Es geht darum, die eigenen Positionen nicht auf dem Rücken von Opfern auszutragen.“

(Titelbild: ep/SNZ)