Jüdisches Leben in Zeiten von Corona

Die Corona-Krise belastet das Leben vieler Menschen weltweit. Trotzdem hört das Kulturleben nicht auf. Wir haben auf dieser Seite drei aktuelle Kulturtipps mit Bezug zum jüdischen Leben für Sie zusammengestellt.

1. „Fühlen Sie Ihre Verbindung zu anderen“ – Natan Scharanski gibt 5 Tipps für die Zeit in Quarantäne

Natan Scharanski, Israelischer Politiker, Autor und langjähriger Leiter der Jewish Agency, gibt in einem unterhaltsamen Video fünf Tipps für die Zeit in Isolation. Der heute 72-Jährige weiß aus eigener Erfahrung, wie man mit bedrückenden Situationen umgeht. Seit seiner Verhaftung durch sowjetische Behörden im Jahr 1977 verbrachte er neun Jahre in einem Gulag, die Hälfte dieser Zeit in Einzelhaft. Nach seiner Befreiung ging er nach Israel, wurde zum einflussreichen gesellschaftlichen Akteur.

Eine seiner charmant vorgetragenen Botschaften lautet: „Führen Sie Ihre Verbindung zu anderen und erinnern Sie sich daran: Sie sind nicht allein. Wir Juden waren für Tausende von Jahren über die ganze Welt verstreut, aber immer hatten wir diesen Gefühl, ein Teil eines großen, großartigen Volks zu sein.“

2. „Mozart for Quarantine“ mit dem Jerusalem Street Orchestra

Viele Musikerinnen und Musiker sind von den Auswirkungen der Pandemie derzeit direkt betroffen – durch geschlossene Konzerthäuser, abgesagte Proben und fehlende Unterrichtsmöglichkeiten. Das junge Jerusalem Street Orchestra, das sich aus Absolventen der Jerusalem Music Academy zusammensetzt, hat sich auf digitalem Weg zusammengetan. Per Videokonferenz ist eine beeindruckende Version einer berühmten Komposition entstanden: der „Kleinen Nachtmusik“ von Wolfgang Amadeus Mozart.

Die Musikerinnen und Musiker sind auf einem bis zu 16-fach geteilten Bildschirm zu bewundern. Als Zuschauer kommt man ihnen dabei so nah, wie es wohl in kaum einem Konzert möglich ist.

Eine geschickte Nachbearbeitung sorgt dafür, dass man das musikalische Meisterwerk trotz Einbußen der Tonqualität sehr gut genießen kann. Schon jetzt hat das Video über 6800 Klicks in den sozialen Medien. Offenbar ein großartiger Mutmacher …

3. Hannah Arendt wird in Online-Hörcollagen lebendig

Totalitarismus, Antisemitismus, die Lage von Flüchtlingen, der Eichmann-Prozess, der Zionismus, das politische System und die Rassentrennung in den USA, Studentenproteste und Feminismus. Zu all diesen Themen bezog die Philosophin Hannah Arendt Stellung. Ihre Urteile und Meinungen sind noch heute voller Sprengkraft.

Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums zu Arendts Leben und Werk – „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“, in dem sich immer auch die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts spiegelt, konnte wegen der aktuellen Krise nicht eröffnet werden.

Das Berliner Museum hat sich daher entschlossen, die Ausstellung in Teilen online zugänglich zu machen. Eine Bildergalerie gibt Einblicke in die Räumlichkeiten, besonders spannend aber ist die Sammlung von Hörcollagen, die in Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunksender rbbKultur entstanden sind. Zugegeben: Das Angebot setzt etwas Vorwissen und Konzentration voraus. Doch allein die mutige Philosophin wortstark und unerlässlich rauchend im Hörspiel zu erleben, lohnt den Besuch der Online-Ausstellung.

Hier geht es zum Angebot: Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert – Follow online

„Lachen und Weinen gehen immer zusammen!“

Interview mit Ilana Katz, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise auf das jüdische Leben in Kassel

Ilana, du bist die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Kassel. Wie betroffen ist die Gemeinde jetzt, Ende März, von der Corona-Virus-Pandemie?

Unsere Gemeinde ist sehr betroffen, vor allem wegen des meist hohen Alters unserer Mitglieder. Etwa Dreiviertel unter ihnen sind älter als 65 Jahre. Sie zählen also zu einer besonders gefährdeten Gruppe.

Ilana Katz ist die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Kassel.

Wie eingeschränkt ist das jüdische Leben derzeit?

Das Purimfest ist ausgefallen, und nun wird auch Pessach ausfallen. Die Sabbat-Gottesdienste finden nicht statt, die Tora wird nicht gelesen. Unser Rabbiner befindet sich in Quarantäne in Israel. Es betrifft auch den entfallenden Religionsunterricht an den Schulen, die Schi’urim, die fehlenden Lehrstunden für Erwachsene usw. Eigentlich alle Aktivitäten, die in einer Gemeinde sonst für Leben sorgen.

Wie tauschen sich die Gemeindemitglieder trotzdem aus?

Das geht vor allem per Telefon und Handy. Außerdem ist in der Synagoge an jedem Werktag jemand präsent. Jeder kann also in der Synagoge anrufen und es wird versucht, zu helfen. Wir möchten dadurch die Kommunikation unterstützen, so gut es geht.

Das Sara Nussbaum Zentrum steht für die Vermittlung von jüdischem Leben und jüdischer Kultur. Wie wichtig ist Kultur jetzt?

Egal in welcher Zeit, Kultur ist immer sehr wichtig! (lacht) Wir teilen unsere Geschichten und Erinnerungen. Auch moderne Medien werden immer häufiger genutzt. Zum Beispiel versenden unsere Rabbiner kurze Statements per Handy. Diese Nachrichten verbreiten sich gut. Sie werden mir teilweise sogar von meinen christlichen Bekannten weitergeleitet. Das ist toll.

Und wie ist es mit denjenigen, die kein Smartphone benutzen?

Kraft gibt uns auch immer wieder die Musik, unsere Lieder und Melodien. Viele Lieder, gerade die jüdischen, kommen aus Israel und sind Gebete. Und auch Witze gehören stark zur jüdischen Kultur. In unserer Tradition gehen Lachen und Weinen bekanntlich immer zusammen.

Wie geht die Arbeit für die jüdische Kultur weiter?

Sehr wichtig ist, dass wir in der Kulturszene weiterhin arbeiten, auch von zuhause aus. Wir bringen unzählige Ideen zu neuen Projekten ein. Dabei sind ganz viele Menschen miteinander verbunden. Wir tauschen uns über Skizzen und Entwürfe aus und arbeiten gemeinsam daran, dass es weiter geht.

Du bist selbst als Unternehmerin im Pflege-Sektor tätig. Was bedeutet die Krise für deinen Betrieb?

Es gibt vielfältige Probleme. In der Regel haben wir genug Handschuhe, Desinfektionsmittel, Mundschutze, Einwegkleidung usw. für ein halbes Jahr auf Vorrat. Auch wenn wir gut vorbereitet sind, befinden wir uns im Moment aber doch spürbar an der Grenze. Leider passieren auch immer wieder schreckliche Vorfälle. Besonders, dass wichtige Ausrüstung wie Desinfektionsmittel gestohlen wird, ist für mich eine inakzeptable Straftat.

Welche Gedanken bewegen dich als Unternehmerin?

Ich hoffe, wir verlieren keine Menschen und überstehen die Pandemie. Ich mache mir Sorgen um alle meine Bekannte, Freunde und meine Mitarbeiter. Dieser große Kreis ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Und ich hoffe, alle überstehen dieses Virus – nicht nur physisch, sondern auch psychisch.

Viele, auch Angehörige von Älteren, haben Sorgen und Unsicherheiten. Was sagst du ihnen?

Wir haben unseren Betrieb so organisiert, dass wir Patienten zuhause betreuen. Wir achten auf Schutz und Desinfektion. Ich kann natürlich gar nichts versprechen, aber alle geben sich die größte Mühe und arbeiten sehr professionell: Wir kaufen ein, wir bringen Essen und liefern es an die Tür. Spaziergänge werden zu zweit und an der frischen Luft gemacht. Für Menschen, die nicht allein zuhause sein können und dürfen, haben wir Notgruppen organisiert. So achten wir auch auf diese Personen.

Trotz der aktuellen Probleme geht man davon aus, dass die Situation bald vorübergeht. Welche Erlebnisse, welche Gedanken machen dir im Moment am meisten Hoffnung?

Mein Geburtstag! (Lacht.) Auch wenn er in diesem Jahr wohl in ganz kleinem Kreis gefeiert wird. Ich bin so begeistert von der Arbeit des Sara Nussbaum Zentrums, von den neuen Projekten, die wir bald beginnen. Ich genieße schon jetzt diese kreative Phase und ich weiß, das wird großartig.

Vielen Dank für das Gespräch!

Sara Nussbaum Zentrum ist temporär geschlossen

Wegen der Corona-Pandemie und den damit verbundenen offiziellen Verfügungen ist auch das Sara Nussbaum Zentrum derzeit bis auf Weiteres geschlossen. Das Ziel ist es, eine schnelle Ausbreitung des Virus zu verhindern. Wir bitten um Verständnis.

Weiterhin arbeiten wir daran, in Zukunft spannende und informative Einblicke in jüdisches Leben, Geschichte und Kultur präsentieren und vermitteln zu können. Über unsere Aktivitäten halten wir Sie auf unserer Website, per Facebook sowie in unserem Newsletter auf dem Laufenden. Bleiben Sie gesund!

Vorsicht vor Verschwörungstheorien

In Krisenzeiten haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. Auch rund um die Coronavirus-Pandemie werden derzeit Unwahrheiten und abstruse Theorien verbreitet. Leider sind dabei antisemitische und rassistische Vorurteile niemals weit.

Wir rufen dazu auf, Informationen genau zu überprüfen, allgemein anerkannte Quellen zu nutzen und nicht auf vermeintliche „alternative Fakten“ hereinzufallen.

6. Trialogtag in Kassel: Für ein Miteinander ohne Misstrauen

Kulturelle Vielfalt in der Schule und in der Jugendarbeit sind wichtig. Sie zu stärken, ist das Ziel des Kasseler Trialogtags. Am 12. März 2020 luden verschiedene Kasseler Institutionen erneut zum interreligiösen und interkulturellen Dialog, zu Austausch und Information ein. Veranstaltungsort für Impulsvorträge, Workshops, Musikbeiträge und Diskussionen war in diesem Jahr die Synagoge der jüdischen Gemeinde.

Das Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben beteiligte sich mit mehreren Angeboten an der Veranstaltung. Leiterin Elena Padva brachte gemeinsam mit ihrem Duopartner Attila Günaydin den Besuchern Musik aus christlichen, jüdischen und muslimischen Traditionen nahe. Um Musik ging es auch in einem der angebotenen Workshops: Gemeinsam mit Maria Radzikovskiy vom Staatstheater Kassel ging Padva der Frage nach, wie mit Kunst und Musik in der Schule Zugänge zum Thema Holocaust geschaffen werden können.

„Kunstwerke und Musik können unfassbar stark von tiefen Emotionen wie Schmerz, Trauer, aber auch Zuversicht und Hoffnung erzählen. Die universelle Sprache der Kunst hilft uns nicht nur, die Erinnerung an Geschehenes weiterzutragen, sondern auch Brücken zwischen Kulturen zu bauen und den Horizont für das zu öffnen, was uns alle verbindet.“

Elena Padva, Leiterin des Sara Nussbaum Zentrums

Besonders freute sich Padva über die Zusammenarbeit mit den weiteren Partnern der Veranstaltung: der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, dem Sufi-Zentrum Kassel-Wolfhagen, der Evangelischen Jugend Kassel, der Erich-Kästner-Schule Baunatal und der katholische Gemeinde. Unterstützt wurde der Trialogtag zudem vom Evangelischen Forum und der Evangelischen Bank.

Der Kasseler Trialogtag richtet sich an Lehrerinnen und Lehrer aller Schulformen, Studierende sowie Hauptberufliche in der Kinder- und Jugendarbeit, die den Trialog der drei großen Weltreligionen und Kulturen in ihren Einrichtungen fördern möchten. In diesem Jahr fand er bereits zum sechsten Mal statt.

Vortrag von Winfried Jacob am 1. März

Prof. Winfried Jacob war der letzte persönlich haftende Gesellschafter der Firma „Rosenzweig und Baumann“ – eine der bekanntesten Kasseler Firmen der Vorkriegszeit. Am 1. März erzählte er im Sara-Nussbaum-Zentrum von seiner Kindheit und Jugend während der Herrschaft der Nationalsozialisten. Seine Biografie ist eng verbunden mit den drei jüdischen Familien Baumann, Rosenzweig und Goldner aus Kassel. Musikalisch begleitet wurde der Abend durch Stefan Mennemeier (Gitarre).

Lesung von Christoph Heubner

Rund 120 Menschen kamen am Mittwoch, den 5. Februar 2020 zu der Lesung von Christoph Heubner ins Sara Nussbaum Zentrum. Der geschäftsführende Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Kommitees (IAK) stellte sein neues Buch „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“ vor. Es ist erst kürzlich im Steidl Verlag erschienen und enthält Berichte und Erinnerungen von Auschwitz-Überlebenden. Zudem berichteten an diesem Abend zwei Auszubildende des Volkswagenwerks Kassel von ihrem Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz und ihrem Engagement in Projekten des IAK.

Musikalisch umrahmt wurde die Lesung von Jens Dembowski (Saxofon, Leiter Jugendakademie VW) und Elena Padva (Gesang und Gitarre, Leiterin Sara Nussbaum Zentrum). Das Grußwort sprach Prof. Dr. Dietfrid Krause-Vilmar.

Wir danken allen Beteiligten für eine gelungene und facettenreiche Veranstaltung bei uns im Sara Nussbaum Zentrum.

2. Ausgabe unseres Magazins haskala erschienen

Zum Jahreswechsel erscheint die zweite Ausgabe der haskala, unseres Magazins aus dem Sara Nussbaum Zentrum. Das aktuelle Heft trägt auf 24 Seiten jüdische Themen in die Öffentlichkeit, macht die Arbeit des Sara Nussbaum Zentrums sichtbar und lässt zivilgesellschaftliche Akteure zu Wort kommen. Enthalten sind etwa ein Berichte über die Veranstaltungsreihe „Wir haben Fragen“, die sich unter anderem mit Antisemitismus und dem Vertrauen in die Polizei beschäftigt und die Ergebnisse einer Befragung zum Thema Antisemitismus in Hessen.

Die haskala richtet sich an alle, die sich für gesellschaftliche Debatten rund um die Themen Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat und Pluralismus interessieren und auch mehr über das jüdische Leben in Kassel und der Region erfahren möchten.

Das Magazin wird derzeit in öffentlichen Displays (sogenannten City-Racks) in Kassel zur kostenlosen Mitnahme angeboten. Die einzelnen Standorte der City-Racks sind in alphabetischer Reihenfolge unter folgendem Link zu finden: http://www.lopo.media/cc/index.php?p=cityrack. Das Heft ist zudem als PDF online verfügbar.

Reaktionen auf die Ablehnung der Förderung von ISAK

Seit unserer Ankündigung, wegen der Ablehnung der Förderung im Jahr 2020 die Arbeit der Informationsstelle Antisemitismus Kassel (ISAK) einstellen zu müssen, haben uns zahlreiche Reaktionen erreicht. Wir danken herzlich für die Wertschätzung, die unserer Arbeit auf diesem Weg zuteil wird.

Eine Auswahl an Reaktionen veröffentlichen wir gerne an dieser Stelle:

Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag, Günter Rudolph, wird in einer Pressemitteilung seiner Fraktion vom 18. Dezember wie folgt zitiert: „Die Entscheidung der schwarzgrünen Landesregierung, den Antrag auf Förderung der Informationsstelle für das kommende Jahr zu verweigern, ist grundfalsch und vor allem vor dem Hintergrund der schrecklichen Ereignisse dieses Jahres mit dem Mord an Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke, dem rechtsterroristischen Anschlag in Halle und den vorhandenen rechtsextremistischen Strukturen in Nordhessen, nicht hinnehmbar.“ Die SPD-Abgeordneten kündigten an, dass ihre Fraktion in den anstehenden Haushaltsberatungen einen entsprechenden Änderungsantrag einbringen werde mit dem Ziel, dass die Finanzierung der Informationsstelle Antisemitismus auch im kommenden Jahr gesichert werde.

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft AG Kassel schreibt in einer Pressemitteilung vom 13. Dezember: „Es ist nicht nachvollziehbar, dass die regionale Meldestelle, trotz der Ausschreibung im Landesprogramm (…) nun leer ausgehen soll. Schließlich hat sie in den vier Jahren ihrer Existenz ein großes Vertrauen in der jüdischen Community aufgebaut – insbesondere, da der wachsende Antisemitismus in teilweise bedrohlichen Formen unübersehbar wird.“ Nach dem Mord an dem Regierungspräsidenten Walter Lübcke, dem Terror von Halle und angesichts gefestigter rechtsextremer Strukturen in Nordhessen sei die Entscheidung des Landes Hessen „ein Signal in die falsche Richtung“, teilte der Vorsitzende der DIG Kassel, Markus Hartmann, mit.
zur Pressemitteilung im Original (PDF)

Die Jüdische Liberale Gemeinde Region Kassel schreibt auf Facebook: „Das ist eine schlechte Nachricht für unsere Gemeinde und alle Juden in unserer Region.“

Das MBT Hessen teilt auf Facebook mit: „Während die Schwarz-Grüne Landesregierung den Etat für ihr Landesprogramm für Demokratie fast verdoppeln will, muss die Meldestelle für antisemitische Vorfälle ISAK in Kassel zum Jahresende schließen. Wir haben mit ISAK in den letzten Jahren immer wieder sehr gut zusammengearbeitet. (…) Warum ISAK die bewährte Arbeit nicht weiter machen soll und stattdessen ein anderer Träger gesucht wird ist völlig unverständlich!“
zum Posting auf Facebook

Die Amadeu Antonio Stiftung schreibt auf Facebook: „Die ISAK war in ihren rund vier Jahren intensiver und vor allem inklusiver Zusammenarbeit mit den jüdischen Gemeinden ein wegweisendes Projekt.“

Förderung abgelehnt: ISAK muss Arbeit einstellen

Betroffene von antisemitischen Vorfällen vor Ort unterstützen – das ist das wichtigste Ziel der beim Sara Nussbaum Zentrum angesiedelten Informationsstelle Antisemitismus Kassel (ISAK). Nun muss ISAK die Arbeit zum Jahresende einstellen und nimmt ab sofort keine Meldungen und neuen Unterstützungsfälle mehr entgegen. Grund dafür ist die Ablehnung einer Förderung für das Jahr 2020 durch das Land Hessen, die dem Sara Nussbaum Zentrum in der zweiten Novemberhälfte mitgeteilt wurde. Das Zentrum hatte sich für den Bereich Nord- und Osthessen beworben.

Die Ablehnung erfolgte,

  • obwohl das Land Hesseneine Meldestelle ausgeschrieben hatte,
  • obwohl ISAK seit rund vier Jahren arbeitet und sich bereits Vertrauen in der Community erarbeitet hat
  • und obwohl eine im Jahr 2017 durchgeführte, bislang unveröffentlichte qualitative Befragung jüdischer Menschen aus Hessen die Einrichtung einer Meldestelle in Hessen empfiehlt.

Die community-nahe Anlaufstelle ISAK unterstützt Betroffene seit Januar 2016 als Angebot des Sara Nussbaum Zentrums für den Bereich Nordhessen. Die Jüdischen Gemeinden waren in die Arbeit eingebunden.

Die Arbeit der Meldestelle war in den ersten drei Jahren teilfinanziert durch Spenden und erfolgte 2019 ehrenamtlich. Die anfallenden Arbeiten können auf dieser Basis nach Einschätzung der Projektbeteiligten aber nicht zuverlässig erledigt werden. So ist insbesondere die konkrete Unterstützungstätigkeit für Betroffene zeitintensiv und muss zudem häufig während üblicher Arbeits- und Öffnungszeiten erfolgen.

„Wir sind stolz darauf, mit ISAK Menschen konkret geholfen zu haben und es ist wirklich sehr schade, dass wir künftig von Antisemitismus betroffenen Menschen nicht mehr im Rahmen dieses Projekts zur Seite stehen können“, sagte die Geschäftsführerin des Sara Nussbaum Zentrums, Ilana Katz. Die Entscheidung sei allen Beteiligten sehr schwer gefallen. „Wir wissen, dass Jüdinnen und Juden in Kassel und Nordhessen die Arbeit von ISAK sehr schätzen – und wir bedanken uns für das langjährige Vertrauen“, sagte Katz.

ISAK nimmt aufgrund der Entscheidung des Landes Hessen ab sofort keine neuen Fälle und Meldungen mehr an. In der Zeit bis zum Jahresende werden bisher gemeldete Vorfälle und laufende Unterstützungen von Betroffenen noch geleistet. Da eine Korrektur der Entscheidung nicht zu erwarten ist, wird die Tätigkeit zum 31. Dezember 2019 vollständig entfallen.

Statements zur Ablehnung der Förderung

„Seit vier Jahren gehört ISAK als Meldestelle für antisemitische Vorfälle und Unterstützungsangebot für Betroffene zum Portfolio des Sara Nussbaum Zentrums und war ein fester Bestandteil unserer aufeinander abgestimmten Angebote. Mit der Schließung der Meldestelle verliert das Zentrum nicht nur eines seiner Standbeine, sondern ist im Kern seiner Tätigkeit, nämlich dem Widerspiegeln des moderne jüdischen Lebens in Kassel und Nordhessen, gefährdet.“
Elena Padva, Leiterin des Sara Nussbaum Zentrums

„Wir stehen in der Verantwortung für die Betroffenen, die sich bei uns melden, und können kein Angebot aufrechterhalten, wenn es nicht mit den notwendigen Ressourcen ausgestattet ist. Es ist bedauerlich und angesichts der Dringlichkeit des Themas verstörend, dass das Land Hessen so entschieden hat. Es schmerzt uns, dass wir die konkrete Tätigkeit für Betroffene von antisemitischen Vorfällen nun einstellen müssen – wenige Wochen nach dem Terroranschlag in Halle und im Angesicht der Tatsache, dass der mutmaßliche Mörder von Regierungspräsident Walter Lübcke laut LKA auch Daten über die Jüdische Gemeinde gesammelt hat.“
Martin Sehmisch, ISAK-Leiter von Januar 2016 bis Dezember 2019

Jüdische Menschen auf Neonazi-Liste: ISAK kündigt an, für Gemeindemitglieder da zu sein

Unter dem Titel „Weitere potentielle Opfer“ hat die hessenschau heute Abend berichtet, dass auf einer von Ermittlern aufgefundenen, bereits über zehn Jahre alten Liste des mutmaßlichen Mörders von Regierungspräsident Walter Lübcke auch die Jüdische Gemeinde Kassel sowie ein Gemeindemitglied stehen.

Wir können nun bestätigen, dass die jüdische Community in Kassel von dieser Auflistung betroffen ist. „Unsere Kraft wird in den kommenden Wochen verstärkt darauf ausgerichtet sein, für die Mitglieder der Gemeinde ansprechbar zu sein und sie zu unterstützen“, sagte der Leiter der Informationsstelle Antisemitismus Kassel (ISAK), Martin Sehmisch, am Freitag in Kassel.

Eine nach dem Anschlag in Halle geplante nichtöffentliche Veranstaltung unter dem Titel „Rechtsextremismus und Antisemitismus – Expert*innen stehen Rede und Antwort“ wird Mitgliedern Jüdischer Gemeinden am 5. Dezember in Kassel die Möglichkeit geben, Fragen, Sorgen und Standpunkte zu teilen (siehe: www.sara-nussbaum-zentrum.de/fragen/). Betroffene können sich zudem in deutscher, russischer und englischer Sprache per E-Mail (isak@sara-nussbaum-zentrum.de) sowie telefonisch (0561-93728281) an ISAK wenden.