Nir Oz – Bilder & Gedanken. Wenn es in der Leere blüht.

Wenn es in der Leere blüht. Bilder und Gedanken aus dem Kibbuz Nir Oz, wo das Leben trotz allem weiter geht, weil Menschen es gestalten.

In Nir Oz blüht die Wüste das ganze Jahr. Zwischen Sträuchern, Bäumen und Beeten, die nur mit Geduld, Wissen und jahrelanger Fürsorge an diesem Ort entstehen konnten, flattern bunte Vögel durch das Grün. Katzen liegen im Schatten. Lange bevor Nir Oz zur Chiffre des 7. Oktober wurde, war dieser Kibbuz auch Verheißung: dass sich trotz schwieriger Bedingungen ein blühendes Refugium erbauen lässt und Frieden zwischen Nachbarn möglich ist. Der Ort gilt als grüne Oase im nordwestlichen Negev, nur 2 Kilometer Luftlinie nach Gaza. Seine Landschaft wurde bewusst wasserarm und standortangepasst entwickelt, über Jahrzehnte entstand dort ein botanisch einzigartiger Garten mit rund 900 Pflanzenarten.

Vielleicht ist es gerade diese Schönheit, die den Blick heute so verstört. Denn in Nir Oz steht die Gewalt nicht gegen die Idylle, sie hat sich in sie eingeschrieben. Am 7. Oktober 2023 wurden dort 47 Menschen ermordet und 76 entführt. Fast jedes Haus wurde beschädigt, geplündert oder angezündet; von den Wohnhäusern blieben nur wenige unversehrt. Nir Oz war damit einer der am schwersten getroffenen Orte jenes Tages. Des größten Massakers an Juden nach dem zweiten Weltkrieg.

Wer heute durch den Kibbuz geht, sieht die Wunden dieses Tages noch immer. Man sieht sie an zerstörten und verbrannten Häusern, an den Fassaden, an Fenstern und Türen, in denen Einschusslöcher geblieben sind. Man sieht sie aber auch dort, wo nichts mehr steht, weil dem Wiederaufbau der Abriss vorausgeht. Orte der Zerstörung stellt man sich oft als Orte voller Trümmer vor. Nir Oz ist vielerorts etwas anderes geworden: ein Ort der Lücken. Wo Häuser standen, sind nun Freiflächen, neben denen nur die massiv gebauten Luftschutzräume übrig blieben. Der Schmerz hat seine Form verändert.

Wenn Rita Lifshitz durch ihren Kibbuz geht, erheben sich die Katzen aus dem Schatten und maunzen im Chor, da Rita sich ihrer angenommen hat, als ihre Menschen entführt und ermordet wurden oder ihre niedergebrannten Häuser zurücklassen mussten. Rita, deren Schwiegereltern, Oded (84) und Yosheved (85) am 7. Oktober entführt wurden, beschrieb die verkohlten Häuser als eine noch immer blutende Wunde. Nun, da sie abgerissen werden, fühle es sich an wie ein Loch im Herzen. Dieser Satz beschreibt Nir Oz genauer als jede politische Formel. Denn Leere ist hier nicht Abwesenheit. Sie ist eine Form der Gegenwart. Yosheved kehrte als eine der ersten überlebenden Geiseln zurück. „Grandpa Oded“, wie Rita ihn liebevoll nennt, ein bekannter Friedensaktivist, folgte erst anderthalb Jahre später – im Leichentuch. In seinem Kaktusgarten steckt noch eine Rakete aus Gaza, die Oded einst mit israelischem Humor zwischen die Kakteen „gepflanzt“ hat.

Und doch ist Nir Oz nicht auf Tod und Ruinen zu reduzieren. Vier Monate zuvor war ich schon einmal in dem Kibbuz und wie betäubt vom Schmerz und dem Widerspruch zu der Schönheit, in die er eingebettet ist. Ein Teil seiner Gegenwart besteht aus Arbeit: aufräumen, zurückschneiden, instand halten, neu pflanzen. Während meines Aufenthalts als Freiwilliger bedeutete das vor allem Gartenarbeit, also eine Tätigkeit, die in Nir Oz nicht nebensächlich ist. Sie berührt den Kern des Ortes. Denn dieses Grün ist nicht zufällig da. Es ist gemacht worden – gegen die Trockenheit, gegen die Bedingungen, mit Sachverstand und mit Liebe. Vielleicht wirkt es gerade deshalb so unwirklich, an einem Ort, der zum Schauplatz des Grauens geworden ist, nicht nur mit der Chermesh, der Motorsense zu mähen, um ihn zu erhalten. Auch Vögel zu fotografieren, die überschäumende Schönheit zu bewundern, sich gegenseitig Witze zu erzählen, Freude zu empfinden. Die Frage, ob man das darf, stellt sich beinahe von selbst.

Auch junge Menschen kommen, um an dieser Gegenwart mitzuarbeiten. Regelmäßig helfen israelische Freiwillige, die ein soziales Jahr vor dem Militärdienst ableisten. Dieses Jahr heißt Shnat Sherut, Dienstjahr. Die Teilnehmenden werden als Shinshinim bezeichnet. Dass diese jungen Leute nach Nir Oz kommen, sagt vielleicht mehr über den Zustand des Ortes als jede offizielle Rede: Er ist verwundet, aber nicht verlassen.
Noch lebt dort nur ein kleiner Teil der früheren Gemeinschaft. Vor dem 7. Oktober hatte Nir Oz rund 400 Bewohner; bislang ist erst in etwa ein Viertel wieder dauerhaft vor Ort. Zugleich ist der Wille zum Wiederaufbau so konkret wie die Zerstörung selbst: neue Häuser, neue Wohnbereiche, neue Programme für Kinder und Jugendliche. Der Kibbuz hat sich für die Rückkehr entschieden; offizielle Wiederaufbaupläne sprechen ausdrücklich von Erneuerung, von neuem Leben und von einer Zukunft, die nicht bloß Wiederherstellung sein will. Die Kibbuzim planen sogar, dass Nir Oz größer werden soll als zuvor. Von 500 Menschen ist die Rede. Zu ihnen gehören dutzende junger Israelis, die sich nach dem 7. Oktober dort niedergelassen haben, mit anfassen und aufbauen. Unter ihnen ist Ariane, die den Kibbuz 2024 erstmals besuchte und sich entschied, aus ihrer Heimat, Kanada, in Nir Oz Aliyah zu machen – einzuwandern. Aber auch Tim aus Deutschland, ausgebildeter KfZ-Mechaniker, der bereits zum dritten Mal für mehrere Monate als Freiwilliger in der Werkstatt arbeitet.

Das Pathos dieser Entschlossenheit liegt nicht in großen Worten, sondern in der Nüchternheit, mit der dort gearbeitet wird. Nir Oz soll nicht museal werden, nicht bloß Erinnerungsort bleiben. Es soll wieder ein bewohnter Ort sein – und ist es geblieben. Einer mit Wegen, mit Gärten, mit Tennisplatz, mit Musik, mit Kindern. Einer, in dem die Toten nicht vergessen und die Lebenden nicht aufgegeben werden. Unter Ihnen sind die Brüder Yoav und Yuval, die als gebürtige Kibbuzim in Nir Oz den 7. Oktober hautnah miterlebt hatten und mit Ariane das Gartenteam leiten. „Vielleicht auch 800“, antwortet Yoav, als ich ihn auf die 500 Menschen anspreche, die mal in Nir Oz leben sollen. „Schau, wir haben noch so viel Platz! Dort, wo der alte Hühnerstall steht, sollen auf jeden Fall neue Häuser hin,“ zeigt Yoav nicht ohne Stolz und Vorfreude.

Vielleicht liegt darin auch die Antwort auf die Frage, ob man an einem Ort wie diesem Schönheit wahrnehmen darf. Man darf, weil diese Schönheit nicht gegen die Toten steht, sondern für das, was sie mit aufgebaut haben. Für den Mitgründer, Grandpa Oded. Für Shiri Bibas, 32 Jahre alt, und ihre beiden Kinder: Ariel, vier Jahre alt, und Kfir, neun Monate alt. Und für die vielen anderen, deren Verlust in Nir Oz nicht abstrakt bleibt. Die Schönheit dieses Ortes zu sehen, heißt nicht, das Verbrechen zu vergessen. Es heißt, ernst zu nehmen, was dort zerstört werden sollte – und was dennoch fortbesteht: Nir Oz. Zu deutsch „Acker der Stärke.“

Von Arne Albracht über seine Besuche in Nir Oz im Oktober 2025 und im Februar 2026.