Nach Hagen: Wir lassen uns nicht auseinandertreiben

Ein Kommentar

Am Abend von Jom Kippur ist in Hagen in Nordrhein-Westfalen mit gewisser Wahrscheinlichkeit ein Anschlag auf die jüdische Gemeinde verhindert worden. Vorläufig wurde ein 16-jähriger Syrer festgenommen. Derzeit laufen noch die Ermittlungen, vieles ist noch ungewiss.

Erinnerungen an Halle werden wach

Die schrecklichen Nachrichten wecken in uns dennoch und unmittelbar Erinnerungen an den Anschlag vor zwei Jahren in Halle an der Saale. Damals plante ein Täter ein Massaker an der jüdischen Gemeinde und scheiterte nur, weil die Holztür seinen Versuchen, in die Synagoge einzudringen, standhielt. Im Verlauf des Attentats starben zwei Menschen, zwei weitere wurden verletzt, Unzählige sind bis heute nachhaltig traumatisiert.

In unserer Ausstellung „Netz gegen Hetz“ hat ein Bild der mit Schusslöchern gezeichneten Tür einen besonderen, großformatigen Platz eingenommen. Denn dieser Vorfall bedeutete auch für uns, unsere Arbeit, unser Denken und Fühlen eine Zäsur. Die neuen Nachrichten lassen erkennen, dass ein Wendepunkt in der Bekämpfung von Antisemitismus längst nicht erreicht ist.

Antisemitismus – leider alltäglich und deutschlandweit

Im Gegenteil, der mutmaßlich geplante Anschlag ist nur ein weiterer Punkt in einer Reihe von vielen antisemitischen Vorfällen. Dazu zählen etwa verfassungsfeindliche und antisemitische Schmierereien (Eschwege), körperlicher Gewalt gegen Jüdinnen und Juden (Köln), Shoa-Relativierung auf Demos (Kassel) bis zu versuchten Brandanschlägen auf jüdische Einrichtungen (Ulm) und vieles mehr.

Besonders fassungslos und wütend macht es uns, wenn es nach dem Bekanntwerden solcher Vorfälle für viele nicht so sehr um die Opfer, sondern um Spekulationen über diejenigen geht, die die Tat begannen haben (könnten). Schnell ist offenbar ein Einzelner als Vertreter einer Gruppe ausgemacht, bei der Antisemitismus festgeschrieben werden kann. Nicht nur extreme politische Lager üben sich in solchen Zuschreibungen, auch aus der politischen „bürgerlichen“ Mitte sind solche Töne vernehmbar. Warum? Mit solchen Feindbildern, nach dem Motto: „Antisemitismus gibt es immer nur bei den andern!“, fällt eine Abgrenzung schlicht enorm leicht. Das eigene Gewissen ist schnell entlastet, wenn die anderen Schuld sind.

Schuldzuschreibungen sind nicht förderlich

Und es stimmt durchaus: Es gibt rechtsextremistischen Antisemitismus, es gibt linksextremistischen Antisemitismus und es gibt auch muslimischen Antisemitismus. Davon bekommen wir in unserer Arbeit jede Woche mit. Wir aber sind davon überzeugt, dass solche Schuldzuschreibungen für eine demokratische, pluralistische Gesellschaft insgesamt einfach nicht förderlich sind. Im Gegenteil: Sie treiben uns alle keilartig auseinander.

Selbstverständlich müssen Täter*innen gefunden, ihre Taten aufgeklärt und die Schuldigen juristisch zur Rechenschaft gezogen werden. Aber Antisemitismus, Hass gegen Jüdinnen und Juden, ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Und um ihn zu bekämpfen, sollten wir uns auf unsere integrativen Werte als Gesellschaft – auf Bildung, auf Austausch und Dialog – besinnen, wir sollten aktiv werden und aufeinander zugehen, anstatt wieder und wieder auszugrenzen und so das eigene Gewissen wohlfeil zu entlasten.